Der Diabetes ist geheilt?

Liebe Leserinnen und Leser des «D-Journals», viele von Ihnen haben sicher
Mitte März mit Interesse in den Medien die Neuigkeiten von der Universität
Zürich gehört: Der Durchbruch – Diabetes sei geheilt. Vielleicht haben Sie
schon Ihren Insulinpen weggeworfen? Ganz so gross ist der Durchbruch dann
doch noch nicht; aber auf jeden Fall ist es der Forschergruppe um Professor
Marc Donath gelungen, neue Einblicke in die Entstehung des Typ-2-Diabetes
zu eröffnen und auch neue Behandlungsmöglichkeiten zu erschliessen.

Damit erhöhte Blutzuckerwerte entstehen, braucht es ein Ungleichgewicht zwischen Insulinbedarf und Insulinproduktion. Beim Typ-2-Diabetiker sind meist diese beiden verändert, das heisst der Bedarf ist zu hoch und die Produktion zu niedrig. Die niedrige Insulinproduktion kommt unter anderem zustande durch Absterben von insulinproduzierenden Zellen, der sogenannten Apoptose. Dieser Vorgang ist das spezielle Forschungsgebiet und Steckenpferd von Professor Donath. Damit hat sich auch seine Studie befasst. Warum die Inselzellen beim Typ-2-Diabetiker eingehen, weiss man bisher nicht so genau. Beim Typ-1-Diabetiker werden hierfür spezielle Antikörper verantwortlich gemacht. Neue Forschungen zeigen nun, dass auch beim Typ 2 eine Entzündung für das Absterben der Zellen verantwortlich ist. Einer der Hauptauslöser dieser Entzündung scheint das Interleukin-1 zu sein. Dabei handelt es sich um einen Botenstoff der weissen Blutkörperchen, die normalerweise für die Infektabwehr sorgen.
Nachdem das Interleukin-1 als möglicher Auslöser identifiziert war, machten sich die Forscher auf die Suche nach Möglichkeiten, diese Theorie zu überprüfen und eventuell auch schon erste Behandlungen zu erproben. Glücklicherweise kennt man das Interleukin-1 schon länger aus der Rheumatologie. Auch dort ist es im Zusammenhang mit Entzündungen ein wichtiger Stoff. Es gibt sogar schon ein Medikament, das in der Rheumatologie eingesetzt wird, um das Interleukin zu senken und Gelenkentzündungen zu behandeln.

Dasselbe Medikament mit Namen Anakinra wurde nun an der Universität Zürich auch Patienten mit Diabetes verabreicht. Täglich erfolgte bei der einen Gruppe eine subkutane Injektion einer fixen Dosis des Medikamentes. Die andere Gruppe erhielt zur Kontrolle ein Placebo injiziert. Wie erhofft, zeigte sich schon nach einer relativ kurzen Studiendauer von nur drei Monaten ein deutlicher Unterschied.

Die Blutzuckerwerte lagen bei der mit Anakinra behandelten Gruppe im Durchschnitt deutlich tiefer, das HbA1c sank um knapp 0,5%. Damit aber nicht genug, gleichzeitig stieg auch die Menge des in der Bauchspeicheldrüse produzierten Insulins an. Dies würde auch den grossen Unterschied zu bisherigen Behandlungen des Diabetes ausmachen. Eine Verbesserung der Blutzuckerwerte kann und muss natürlich auch mit allen bisherigen Tabletten und mit Insulin erreicht werden. Hohe Blutzuckerwerte sind toxisch für die insulinproduzierenden Zellen, so dass sie schlechter funktionieren. Durch die Verbesserung der Stoffwechsellage kann sich daher auch die Funktion der Bauchspeicheldrüse vorübergehend wieder etwas erholen, sodass sie wieder mehr Insulin produziert. Ein Medikament, das zu einer anhaltenden Vermehrung der Insulinproduktion und eventuell sogar der insulinproduzierenden Zellen führt, hat es bisher aber noch nie gegeben. Wenn dies mit Anakinra oder einer Weiterentwicklung eines Interleukinantagonisten möglich wird, könnte das ein entscheidender Durchbruch und eine grosse Erleichterung für viele Diabetiker in der Zukunft sein.

Wie lange dieser Effekt anhält und was generell bei längerer Einnahme von Anakinra für Auswirkungen zu erwarten sind, muss nun erforscht werden. Bis Anakinra als weiterer Pfeil im Köcher der Diabetologie zur Verfügung steht, dürfte es also noch einige Jahre dauern. Es ist also wohl noch zu früh, um den Insulinpen gleich wegzuwerfen; aber vor Freude ein-, zweimal in die Luft werfen kann man ihn schon.
Dr. med. Dirk Kappeler


Fragen zu Anakinra an Professor Marc Donath
«D-Journal»: Kann Anakinra meinen Diabetes heilen?
Prof. Marc Donath: Theoretisch ja. Wir konnten zeigen, dass durch Anakinra das Fortschreiten der Krankheit rückgängig gemacht werden kann. Dadurch, dass die insulinproduzierenden Zellen geschützt wurden, begannen sie sich zu regenerieren. Ob sie sich vollständig erholen können und ob dies in jedem Stadium des Diabetes möglich ist, wissen wir nicht. Ich bin Optimist, aber auch Realist: Solange eine Theorie nicht bewiesen ist, bleibt sie Theorie. Ich werde alles daransetzen, dass ich nicht falsche Hoffnung geweckt habe; aber es sind noch viele unbekannte Faktoren, die niemand im voraus kennt.

Wie lange dauert es noch, bis ich als Diabetiker Anakinra verwenden kann?
Anakinra haben wir benützt, um unsere Hypothese zu beweisen, dass Interleukin-1 für das Versagen der Insulinproduktion mitverantwortlich ist. Als Medikament ist es sehr teuer, und man muss es täglich spritzen. Glücklicherweise gibt es andere Interleukin-1-Blocker, die viel billiger hergestellt werden können und die man nur ca. einmal pro Monat spritzen muss. Sobald wir die Bewilligung vom Ethischen Komitee erhalten, werden wir die erste Studie mit so einem Blocker beginnen. Probanden können sich übrigens bei uns dazu gerne melden (marc.donath@usz.ch). Auch wenn alles gut geht, wird es aber leider mindestens 3–5 Jahre dauern, bis es auf den Markt kommt. Diabetes kann man mit den heutigen Mitteln recht gut behandeln, und deshalb darf eine neue Therapie auf keinen Fall unverhältnismässige Nebenwirkungen haben. Dies zu überprüfen braucht Zeit.

Ist Anakinra für jeden Diabetiker geeignet?
In unserer Studie waren nur langjährige Diabetiker. Wenn es bei ihnen gewirkt hat, erwarte ich mindestens so gute Effekte bei «frischerem» Diabetes. Interleukin-1 könnte auch eine wichtige Rolle spielen beim Typ-1-Diabetes. Deshalb sind auch Studien für den Typ 1 geplant. Wir haben jetzt das Prinzip gezeigt; aber alle diese Fragen müssen nun beantwortet werden.

Kann ich mit Insulin aufhören, wenn ich Anakinra spritze?
Das ist das Ziel. Aber ob dies möglich wird, muss erst gezeigt werden. Also wie gesagt: Wir hoffen, bleiben aber realistisch.

Macht Anakinra dick? Welche anderen Nebenwirkungen muss ich erwarten?
Nein, es macht nicht dick. Das haben wir ganz genau untersucht: Das Gewicht hat sich nicht verändert trotz der Besserung des HbA1c. Anakinra wurde über 100000 Patienten mit Gelenkentzündung gegeben, und es wurden keine ernsthaften Nebenwirkungen beschrieben. Doch gerade bei diesem Punkt bin ich besonders vorsichtig. Dies aus den kürzlichen Erfahrungen mit verschiedenen anderen neuen Medikamenten mit unerwarteten Nebenwirkungen, wie zum Beispiel dem Risiko von Knochenbrüchen bei den Thiazolidindione.

Gibt es Anakinra wirklich nur als Spritze? Wird eine Tablettenform erforscht?
Wie oben erwähnt, ist das Ziel eine Monatsspritze; das scheint mir sogar attraktiver als täglich Tabletten einzunehmen. Und mein Traum ist, dass man diese Kur nur ein paar Monate durchführen müsste bis zur Heilung… Voraussetzung bleibt aber, dass Körpergewicht und körperliche Aktivität normalisiert sind.

Interview: Dr. med. Dirk Kappeler