Cortisol und Diabetes – Freund oder Feind?

Das Cortisol:
Ein Hormon, welches in den Nebennieren gebildet wird. Es hilft dem Körper, mit Belastungen fertig zu werden, und wird daher als Stresshormon bezeichnet. Wirkt entzündungshemmend und setzt Nährstoffe aus dem Vorratsgewebe ins Blut frei, um sie zur Verbrennung bei Aktivität bereitzustellen. Führt daher zu Fett-, Muskel- und Knochenabbau, zu Erhöhung des Blutzuckers und der Blutfette. Cortisol steigert den Blutdruck und Puls ebenso wie die Erregbarkeit des Gehirns und wird daher auch als Weckhormon bezeichnet.

Wenn ich Patienten fragen würde, welches Medikament sie nicht verschrieben haben möchten, dann sagen sie als erstes… gut, als erstes Insulin, wenn sie einen noch mit Tabletten eingestellten Diabetes haben, aber als zweites… genau, Cortison!

Wenige Medikamente lösen so emotionale Reaktionen aus wie Cortison. Jeder hat schon einmal davon gehört, viele mussten es schon einmal einnehmen, und so manches (Vor-) Urteil ist vorhanden. Doch woran liegt der schlechte Ruf des Cortisons?
Wie bei Insulin auch, handelt es sich bei Cortisol um ein Hormon, das heisst eine natürlich im menschlichen Körper vorkommende Substanz. Anders als beim Insulin ist aber eine Anwendung als Tablette zum Schlucken problemlos möglich. Die chemische Substanz heisst dann Cortison, im Gegensatz zum biologisch im Körper vorkommenden Cortisol.

Das Problem ist also nicht wie beim Insulin die Anwendung als Spritze, sondern die eigentliche Wirkung, bzw. die Nebenwirkungen, vor denen man sich fürchtet.
Welche sind das? Wie schon Paracelsus sagte: «Die Dosis macht das Gift», oder anders gesagt, in niedrigen Dosen, wie es der Körper selbst herstellt, bestehen überhaupt keine Nebenwirkungen!
Man spricht dann von physiologischer Dosierung. Diese physiologische Menge beträgt ca. 35–40 mg Cortisol pro Tag. Wird so viel als Tablette zugeführt, dann wird die Produktion in den Nebennieren gedrosselt und die Blutspiegel und damit die Wirkungen bleiben die gleichen, als ob keine Tabletten eingenommen worden wären. Dies macht dann Sinn, wenn die eigene Produktion im Körper auf Grund einer Krankheit unterbrochen ist.
Bei Anwendung als eigentliches Medikament macht man sich vor allem die entzündungshemmende Wirkung des Cortisols zu Nutze. Bei Verletzungen schüttet der Körper grössere Mengen Cortisol aus, um mit den Schmerzen fertig zu werden und die Entzündung im Rahmen zu halten. Denn die Entzündung ist zwar die für eine Abheilung nötige Reaktion des Körpers, braucht aber die Kontrolle durch Cortisol, um den Organismus insgesamt nicht über die Grenzen zu belasten.

Eine therapeutische Anwendung verfolgt denselben Zweck und kann bei chronischen oder akuten Entzündungskrankheiten wie beispielsweise rheumatischen Beschwerden wahre Wunder vollbringen. Bei akuten allergischen Reaktionen wie beispielsweise Bienenstichallergien hat Cortisol schon viele Leben gerettet.

Relative Stärke verschiedener
Glukocorticoidhormone:

Cortisol

1,0

Cortison

0,8

Prednison

4,0

Paramethason

10,0

Betamethason

30,0

Dexamethason

30,0

Dies erfordert aber oft viel höhere Mengen, als sie normalerweise im Körper produziert werden. Hierzu wurde eine ganze Familie von Substanzen, die Glukocorticoide, entwickelt, die auf dem Cortisol beruhen, aber ein Vielfaches der Wirkung aufweisen. So wirkt beispielsweise das bekannte Prednison viermal so stark wie Cortisol, das heisst 10 mg Prednison entsprechen bereits der normalen Tagesproduktion an Cortisol in den Nebennieren.

Je nach Krankheit sind aber Prednisondosen von 50 bis
100 mg täglich keine Seltenheit. Wenn aber das 10- bis 100-fache der normalen Menge während Tagen bis Monaten im Körper zirkuliert, führt dies zwangsläufig zu Folgeschäden.
Diese sind nicht so sehr eigentliche «Nebenwirkungen», sondern ein stärkeres Ausmass der normalen Wirkung des Cortisons. Bei länger dauernder Einnahme von hohen Dosen Cortison kommt es also zu einem Abbau der Muskulatur, mit allgemeinem Kraftverlust, ebenso wie auch zu einem Abbau der Knochen mit vermehrter Brüchigkeit, der sogenannten Osteoporose. Das Fettgewebe wird ebenfalls abgebaut, aber die zu viel im Blut zirkulierenden Nährstoffe anschliessend wieder als Fett abgelagert, so dass es lediglich zu einer Fettumverteilung mit Zunahme des Bauchfettes bei relativ dünneren Armen und Beinen kommt. Ausserdem kann eine längere hoch dosierte Therapie auch zu Schlafstörungen und psychischen Symptomen bis hin
zu eigentlichen Psychosen führen.

Bereits zu Beginn der Therapie kommt es nach 1–2 Tagen zu einer Zunahme des Insulinbedarfs durch die vermehrt zirkulierenden Nährstoffe. Während dies beim Nichtdiabetiker lediglich zu einer Erhöhung der Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse führt, sind die Folgen für Diabetiker natürlich schwerwiegender.

Mit der Zunahme des Insulinbedarfs können sich je nach bisheriger Diabetestherapie verschiedene Konsequenzen ergeben.
Falls bisher Diät allein oder Tabletten zur Kontrolle des Blutzuckers ausgereicht haben, muss nun eventuell auf Insulin umgestellt werden. Wenn bereits Insulin gespritzt wurde, kann es sein, dass anstelle eines einfachen 1- oder 2-Spritzen-Schemas neu nicht nur mehr Einheiten Insulin, sondern auch häufigere Injektionen pro Tag nötig werden.
Typischerweise führt eine Therapie mit Cortison vor allem zu einer Zunahme der Blutzuckerspiegel nach Nahrungseinnahme tagsüber. Das heisst, es sind vor allem der Mittags- und Abendwert erhöht, während der Insulinbedarf über Nacht kaum zunimmt und der morgendliche Nüchternblutzucker meist nicht erhöht ist. Um dem Ansteigen bis zum Mittag und Abend entgegenzuwirken, sollte daher die Insulindosis am Morgen beziehungsweise Mittag erhöht werden. Diese Zunahme des Insulinbedarfs kann unter Umständen mehr als das Doppelte oder Dreifache betragen.
Viele dieser Nebenwirkungen kann man reduzieren oder sogar ganz vermeiden, indem man Cortison nur an dem Ort einsetzt, wo es gebraucht wird. So zum Beispiel als Salbe bei Hautkrankheiten oder als Atemspray bei Asthma. Damit kann die Menge an Hormon, die in den Kreislauf gelangt, auf ein Minimum beschränkt werden. Falls möglich sollte daher immer der lokalen Anwendung, den sogenannten «topischen» Steroiden, der Vorzug gegeben werden.
Heisst das nun, eine Therapie mit Cortison sei für Diabetiker verboten? Nein! Wenn sie nötig ist, dann kann sie auch durchgeführt werden.

Die Frage nach der Notwendigkeit sollte aber sicher noch kritischer gestellt werden als bei einem Patienten ohne Diabetes und wenn möglich eine andere Therapie bevorzugt werden. Falls sich die Cortisontherapie nicht vermeiden lässt, sollte der Blutzucker häufiger kontrolliert werden. So kann zusammen mit dem betreuenden Arzt auf einen Anstieg der Blutzuckerwerte reagiert und die Insulintherapie angepasst werden.
Zusammenfassend ist Cortison je nach Dosierung ein starkes Medikament mit grosser möglicher Wirkung sowohl zum Nutzen wie auch zum Schaden des Patienten. Es sollte daher in der schwächsten für das Ziel ausreichenden Dosierung benutzt werden. Ebenso sollte die Einnahmedauer so kurz wie möglich sein, selbstverständlich aber auch so lange wie nötig. Eine zu lange Einnahme führt zu unnötigen Nebenwirkungen, ein zu frühes Absetzen zu Wiederaufflammen der Krankheit mit erneuten Beschwerden und noch längerem Medikamentenbedarf. Auch für Diabetiker kann auf die einzigartige Wirkung des Cortisols bei manchen Krankheiten nicht verzichtet werden. Dies führt zwangsläufig zu einem schwieriger einstellbaren Diabetes, was bestenfalls mit mehr Aufwand, schlimmstenfalls mit schlechteren Blutzuckerwerten verbunden ist. Wenn man sich an diese Grundregeln hält, ist Cortisol aber ein Medikament, welches trotz unvermeidlichen Nebenwirkungen sehr wirksame Hilfe im Kampf gegen Schmerzen und Krankheit bringt.

Dr. med. Dirk Kappeler

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