Blutzucker-Selbstmessung beim Typ-2-Diabetes

Wohl kaum jemand zweifelt daran, dass die Blut­zucker-Selbstmessung unverzichtbarer Bestandteil  einer erfolgreichen Behandlung des Typ-1-Diabetes ist. Nur sehr wenigen Betroffenen gelingt es, einen Glykohämoglobinwert im Zielbereich – das heisst unter 7 % – zu erreichen, ohne mehrmalige tägliche Selbstkontrolle des Blutzuckers. Zu stark schwanken die Faktoren, welche den Blutzucker beeinflussen können wie Ernährungsweise, körperliche Aktivität, psychische Stimmungslage, Insulinaufnahme aus dem Fettgewebe usw., als dass mit einer «Rou­tine-Dosierung» des Insulins eine gute Stoffwechselkontrolle erreicht werden könnte. Und Gefühl oder Erfahrung helfen in dieser Situation leider auch nicht weit: Blutzuckerwerte ausserhalb der Extreme – Hypo- und Hyperglykämie – können in der Regel nicht «gefühlt» werden, auch nicht von sehr erfahrenen Diabetikern.
Zunehmend werden auch Typ-2-Diabetiker mit Insulin behandelt, oft ähnlich «intensiviert» wie Typ-1-Diabetiker, mit 4 bis 5 Insulininjektionen pro Tag. Obwohl ihre Blutzuckerschwankungen wegen der sehr oft vorhandenen Insulinresistenz meistens nicht so ausgeprägt sind, ist eine mehrmalige tägliche Blutzuckermessung auch für die so behandelten Typ-2-Diabetiker oft unerlässlich, zumal wenn ihr Lebensstil und ihr Tagesablauf nicht gänzlich stabil sind.
Typ-2-Diabetiker, die sich nach einem «starren» Insulinschema behandeln, die Insulindosen also nicht fortlaufend anpassen, sind lediglich in der Phase einer Neueinstellung auf möglichst lückenlose Blutzucker-Selbstmessung angewiesen. In ruhigen Zeiten kann die Frequenz der Selbstkontrolle individuell gelockert werden.
Über Sinn und Notwendigkeit der Blutzucker-Selbstkontrolle bei Typ-2-Diabetikern, die lediglich mit Tabletten behandelt werden, sind in den letzten Jahren lebhafte Diskussionen entbrannt. Hintergrund dafür ist selbstverständlich nicht allein (bzw. in erster Linie) wissenschaftliches Interesse. Die Frage wird vor allem aufgeworfen von den Kostenträgern im Gesundheitswesen wie den Krankenkassen. Diese fragen – selbstverständlich mit Recht –, ob der Preis, der für die Blutzucker-Messstreifen bezahlt werden muss, wirklich einen Mehrwert bringt, das heisst eine bessere Stoffwechselkon­trolle, weniger diabetesbedingte Folgeschäden oder eine geringere Sterblichkeit derjenigen, die Blutzucker-Selbstmessungen durchführen.
Dies sei eine relativ einfache Fragestellung, denkt man, und die Antwort liege mittlerweile klar auf dem Tisch. Obwohl zahlreiche Studien dazu durchgeführt worden sind, geht die Diskussion indes unvermindert weiter. Zu unterschiedlich waren die Studienanlagen, zu verschieden auch die jeweiligen Konsequenzen, die aus den gemessenen Blutzuckerwerten gezogen wurden bzw. gezogen werden durften.
Wirklich einig ist man sich lediglich in einem Punkt: Routinemässige Blutzuckermessungen sind bei mit oralen Antidiabetika Behandelten nie sinnvoll. Anders als bei der erwähnten – intensivierten – Insulintherapie wird die Tablettendosis ja nie täglich wieder neu angepasst. Zur Überprüfung der Wirksamkeit einer Behandlung genügt es deshalb in aller Regel, ein- bis zweimal pro Woche – bei stabiler Einstellung sogar noch seltener – ein «Blutzucker-Tagesprofil» durchzuführen. Dabei können je nach Therapieform und individueller Situation die Werte vor bzw. (2 Stunden) nach dem Essen besonders ­interessieren.
Blutzucker-Selbstkon­trollen können auch in besonderen Situationen nützlich bzw. sogar nötig sein. Dies gilt hauptsächlich für Diabetiker, die mit den sogenannten Sulfonylharnstoffen oder mit Gliniden (siehe Tabelle auf Seite 30). behandelt sind, weil diese Tabletten Hypoglykämien auslösen können. Bei entsprechenden Symptomen sollte der Verdacht auf eine Unterzuckerung mit einer Blutzuckermessung bestätigt oder entkräftet werden. Vor dem bzw. beim Führen eines Motorfahrzeuges ist das Messen beim geringsten Verdacht obligatorisch. An dieser Stelle sei erwähnt, dass zahlreiche Medikamente zur Behandlung des Diabetes keine Hypoglykämien auslösen können, wenn sie nicht mit Sulfonylharnstoffen, Gliniden oder Insulin kombiniert werden. Dies betrifft das Metformin, die Glitazone, die DPP-4-Blocker und die GLP-1-Analoga (siehe Tabelle auf Seite 30). Letztere werden gespritzt.
Blutzuckermessungen können – insbesondere bei noch wenig erfahrenen Diabetikern – auch sinnvoll sein, um den Effekt körperlicher Aktivität oder von besonderen Nahrungsmitteln auf die Stoffwechselkontrolle besser kennenzulernen. Diese Veränderungen am eigenen Körper zu messen, kann sowohl das Verständnis für den Diabetes wie auch die Motivation zur Behandlung fördern.
Währenddem in unserem nördlichen Nachbarland weiterhin die Gefahr besteht, dass Blutzucker-Messs­treifen für Patienten, die kein Insulin spritzen, gar nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt werden, ist in der Schweiz dank dem grossen ­Einsatz der Schweizerischen Diabetes-Gesellschaft eine Lösung gefunden worden, die mit wenigen Ausnahmen allen Beteiligten gerecht wird:
Für Diabetiker, die mit oralen Antidiabetika behandelt werden, übernimmt die Krankenkasse die Kosten von 400 Messstreifen pro Jahr. Damit «lässt sich» bei vernünftigem Einsatz der Messstreifen in der Regel «leben». Knapp wird es allenfalls bei Betroffenen, die sehr viel mit dem Auto unterwegs sind.
Für Insulin spritzende Diabetiker gilt diese Einschränkung nicht!
Zusammenfassend möchten wir Folgendes (nochmals) festhalten:

  • Routinemässige (regelmässige, tägliche) Blutzucker-Selbstmessungen sind bei Diabetikern, die nicht mit Insulin behandelt werden, unnötig und teuer.
  • Der Blutzucker sollte nur dann gemessen werden, wenn man daraus Konsequenzen ziehen kann bzw. muss. Dies bedingt selbstverständlich eine gute Schulung und Instruktion.
  • Blutzucker-Selbstmessungen sind wichtig zur Beurteilung von Änderungen der Therapie.
  • Unterzuckerungen können durch Blutzuckermessungen zuverlässig erkannt werden; aber: nicht alle Medikamente verursachen überhaupt Hypoglykämien.
  • Blutzucker-Selbstkontrollen – in beschränktem Mass – können das Verständnis für den Diabetes bzw. die Motivation zu einem gesunden Lebensstil (Bewegung, Ernährung) fördern.

Dr. med. K. Scheidegger