Blutzucker-Selbstkontrolle

Ungenügendes Wissen ist häufig eine Fehlerquelle !

Die Blutzucker-Selbstkontrolle ist eine der grossen Errungenschaften in der Diabetestherapie: Man weiss, wo man steht, und man kann den Diabetes an die Lebensgewohnheiten anpassen. Jedoch birgt die Selbstmessung viele Fehlerquellen.

In der Schweiz gibt es für die Genauigkeit der Blutzuckermessgeräte keine verbindlichen Vorschriften. Trotzdem kann festgestellt werden, dass mit zunehmender Verbesserung der Technik die Geräte immer genauer werden bei der Messung der Blutzuckerkonzentration. Allerdings muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass die Handmessgeräte nur eine Orientierung und Verlaufskontrolle über die Stoffwechsellage geben können; damit ermöglichen sie zwar eine optimale Anpassung der Therapie vor allem bei insulinspritzenden Diabetikern – es bleibt aber bei einer Orientierung.

20 Prozent Abweichung
Dies spiegelt sich wider in der freiwilligen Norm, der sich Hersteller von Blutzuckersystemen zur Eigenanwendung beim Diabetes mellitus unterworfen haben: Sie erlaubt bei einem Blutzuckerwert oberhalb von 4,2 mmol/l eine Abweichung von immerhin ± 20 % des Referenzwertes und stärkere Abweichungen bei immerhin bis zu 5 % aller Messungen. Dies bedeutet, dass man bei einem tatsächlichen Blutzuckerspiegel von 9 mmol/l durchaus gemessene Werte von 7,2 oder 10,6 mmol/l erhalten kann, ohne dass das Gerät defekt sein muss. In der Regel haben aber die meisten modernen Blutzuckermessgeräte bei korrektem Gebrauch «nur» eine Schwankung von ± 10 % bis 15 % vom echten Blutzuckerwert.

Messung wiederholen
Bei nicht erklärbaren Messergebnissen sollte daher immer eine Wiederholung der Messung erfolgen und auf eine Vermeidung der typischen Fehlerquellen geachtet werden. Für die Überprüfung der Messgenauigkeit des Geräts eignen sich vom Hersteller bereitgestellte Kontrolllösungen; besser noch ist eine gleichzeitige Messung derselben Blutprobe durch eine qualitätsgesicherte Labormethode, am besten aus venösem Plasma.

Fehlerquelle «ungenügendes Wissen» !
Grundsätzlich kann man zwischen messtechni­schen und benutzerabhängigen Fehlern unterscheiden. Letztere spielen in der täglichen Praxis sicherlich die grösste Rolle (siehe Tabelle 1). Eine der häufigsten Ursachen für eine Fehlbedienung und damit für falsche Blutzuckerwerte ist ein ungenügender Wissensstand! Also sollte nicht nur die Spritz-, sondern auch die Blutzuckermesstechnik im Rahmen von Diabetesschulungen regelmässig wiederholt und in der Praxis geübt und überprüft werden – sprechen Sie Ihren Arzt darauf an! So ist vielen Patienten nicht bewusst, dass zum Beispiel extreme Temperaturen oder hohe Luftfeuchtigkeit einen Einfluss auf die Genauigkeit der Messwerte haben können. Dies kann vor allem bei nicht sachgemässer Lagerung der Teststreifen nach Anbruch der Packung dazu führen, dass die Teststreifen nicht mehr korrekt messen, obwohl ihr eigentliches Haltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen ist. Wichtig ist daher, auf die richtige Lagerung der Teststreifen zu achten, Temperatur und Luftfeuchtigkeitsschwankungen zu vermeiden, keine abgelaufenen oder unverpackten Teststäbchen zu verwenden und bei jeder neuen Packung eine Kalibrierung durchzuführen – wobei viele Geräte heute automatisch kalibrieren.

Essensreste und Schweiss
Bei der Messung selbst muss auf saubere und trockene Hände geachtet werden: So können Reste von Obstschalen oder andere zuckerhaltige Essensreste an den Händen zu falsch hohen Werten führen – und umgekehrt feuchte oder verschwitzte Hände den Blutstropfen verdünnen und so in falsch niedrigen Werten resultieren. Auch ein zu starkes Pressen der Einstichstelle kann den Blutzuckerwert durch die Durchmischung mit Gewebeflüssigkeit verfälschen und sollte vermieden werden. Die Desinfektion mit Alkohol ist nicht notwendig und schädigt die empfindliche Hautoberfläche durch Austrocknung und Zerstörung des Hautmilieus.
Wenn dennoch aus hygienischen Gründen – zum Beispiel auf Reisen – eine Desinfektion mit einem Alkoholtuch angezeigt sein sollte, muss der Alkohol mindestens zwei Minuten verdunsten können, sonst wird das Ergebnis verfälscht.
Viele Fehlerquellen werden durch die ständige Verbesserung der Blutzuckermesssysteme zunehmend ausgeschaltet. So können moderne Geräte automatisch erkennen, wenn die Blutmenge nicht ausreicht, und bemerken ausserdem, wenn ein Teststreifen beschädigt ist; oder bei automatisch kodierenden Geräten, wenn eine neue Streifenpackung benutzt wird. Zudem erfassen einige Geräte durch ein abgestimmtes Zusammenspiel von Teststreifen, Code-Chip und interner Technologie auch, wenn äussere Faktoren das Messergebnis verfälschen könnten: hohe Temperaturen oder Luftfeuchtigkeit. Durch die feste Zuordnung der neuen Geräte auf die Angabe der Ergebnisse in den in der Schweiz üblichen mmol/l (oder mg/dl wie beispielsweise in Deutschland oder Italien gebräuchlich) wird zudem die Fehlerquelle einer versehentlichen Umschaltung der Einheiten mehr und mehr ausgeschlossen.

Umstellung auf plasmakalibrierte Streifen ?
Die neueren Blutzuckermesssysteme in der Schweiz sind mittlerweile alle plasmakalibiriert. Frühere Geräte konnten je nach Anbieter vollblut- oder plasmakalibriert sein. Die Zuckerwerte im Vollblut liegen 10 bis 15 % niedriger als im Plasma. Das bedeutet, dass viele auf Vollblut kalibrierte europäische Geräte bei gleicher Blutzuckerkonzentration im Schnitt 11% niedrigere Werte angeben als die Geräte anderer Hersteller, die auf Plasma kalibriert sind.
Für die Patienten bedeutet dies, dass beim Wechsel eines alten, vollblutkalibrierten Gerätes auf ein neues plasmakalibriertes Gerät bei gleich guter Stoffwechsellage jetzt alle Werte 10 bis 15 % höher liegen als zuvor.

Werte sind dann höher!
Ob sich auch die individuellen Therapieziele ändern, muss dann mit dem Arzt besprochen werden. In den meisten Fällen werden sich aus dem Wechsel der Kalibrierungsmethode keine Änderungen ergeben. Hinweise auf die Umstellung auf plasmakalibrierte Messtreifen finden sich auf der Verpackung der Teststreifen in Form eines gelben Symbols und als Hinweis «Plasmareferenziert».

Die Störfaktoren
Abhängig von der Messmethode der unterschiedlichen Blutzuckermessgeräte kann eine ganze Reihe von Störfaktoren die Blutzuckerselbstmessung beeinflussen: Am wichtigsten ist hier der Hämatokrit, also der Anteil der zellulären Bestandteile wie rote und weisse Blutkörperchen und Blutplättchen am Volumen des Blutes. Ist dieser hoch wie bei bestimmten Bluterkrankungen oder bei Neugeborenen, so werden falsch niedrige Werte gemessen; ein erniedrigter Hämatokrit wie bei der Blutarmut resultiert in falsch hohen Werten.
Weitere mögliche Störfaktoren sind Medikamente (wie Vitamin C und Paracetamol), aber auch das Säure-Basen-Gleichgewicht (pH) oder die Sauerstoffversorgung des Bluts. In der Regel sind diese Faktoren bei ambulanten Patienten jedoch von untergeordneter Bedeutung und müssen in erster Linie vom behandelnden Arzt berücksichtigt werden.
Eine Ausnahme hierbei ist die Kreuzreaktion mancher Geräte mit dem Zucker Maltose, der in der Spüllösung bei der Bauchfell-Blutwäsche (Peritonealdialyse) enthalten sein kann: Bei einer bestimmten Messmethode («Glukosedehydrogenase- Pyrroloquinolinequinon», GDH-PQQ) kann es zu einer womöglich lebensbedrohlichen Fehleinschätzung der Stoffwechsellage kommen – falsch hohe Blutzuckerwerte durch Fehldeutung der Maltose als Glukose! Hier muss der Gebrauch solcher Geräte unbedingt vermieden werden.
Heute gibt es eine unüberschaubare Vielfalt verschiedener Blutzuckermessgeräte, die sich in ihrer Messgenauigkeit nur wenig unterscheiden, aber grosse Unterschiede in der Handhabung und Ausstattung haben können.

Welches Messgerät für mich?
Ähnlich wie bei der Auswahl eines Handys sollte man bei der Entscheidung für ein Messgerät besonders darauf achten, ob das gewählte Modell den eigenen Anforderungen und Wünschen entspricht. So ist es sinnvoll, sich in der Arztpraxis, in der Diabetesberatungsstelle oder in der Apotheke eine Auswahl an Messgeräten zeigen zu lassen, sie auszuprobieren und erst dann ein geeignetes auszuwählen – denn nur, wenn ein Gerät leicht zu handhaben ist und gut in den individuellen Alltag passt, wird es auch gern und zuverlässig genutzt. Die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale der verschiedenen Blutzuckermessgeräte sind Form und Grösse, die Messgeschwindigkeit, die Menge an benötigtem Blut, die Grösse der Tasten und der Anzeige – und die Möglichkeit, an alternativen Stellen zur Fingerbeere zu messen; daneben die Anzahl der gespeicherten Werte, das Vorhandensein einer elektronischen Tagebuchfunktion und die Möglichkeit des computergestützten Auslesens und der Auswertung der Daten. Grössere Unterschiede gibt es auch bei der Handhabung der Teststreifen, die in einer Dose, einzeln verpackt oder auch als Multitestsystem in einer Trommel oder Scheibe angeboten werden.

Hilfreiche Fragen
Folgende Fragen können bei der Auswahl des Gerätes helfen:

 

  • Wie wichtig ist mir die Möglichkeit einer computerbasierten Auswertung oder eines elektronischen Tagebuchs?
  • Brauche ich ein sehr kleines und mobiles Gerät – sehr einfach für unterwegs?
  • Bin ich eingeschränkt sehfähig und benötige ein einfach abzulesendes Gerät mit grossen Zahlen (oder mündlicher Ansage der Blutzuckerwerte)?
  • Benötige ich ein einfach zu bedienendes System mit grossen Tasten und wenig Extrafunktionen?
  • Kann ich die Teststreifen gut aus der Verpackung oder Dose nehmen, ohne dass sie herausfallen oder Feuchtigkeit ausgesetzt werden?
  • Ist das Mitführen der Messstreifen in der Originalverpackung ohne Probleme möglich, oder wäre ein Gerät mit Multitestsystem für mich besser?
  • Habe ich besondere Anforderungen an den Temperaturbereich, weil ich häufig im Aussenbereich messen muss?
  • Ist eine automatische und sichere Entsorgung der Messstreifen (und der Lanzetten, falls im Gerät integriert) für mich wichtig?
  • Ist eine Blutabnahme an alternativen Stellen (wie am Unterarm) für mich wichtig?

Was muss ich beim Stechen und Messen beachten?
Die Blutentnahme aus der Fingerbeere zählt auch heute, trotz moderner Stechhilfen, zu den am wenigsten angenehmen und lästigsten Aspekten der Blutzuckerselbstkontrolle.
Viele Menschen empfinden den Stich in die Fingerbeere schmerzhafter als die Insulininjektion selbst. Dabei kann die korrekte Anwendung und optimale Auswahl der Stechhilfe wesentlich dazu beitragen, die Missempfindung bei der Gewinnung des kleinen Blutstropfens deutlich zu reduzieren. So sollte darauf geachtet werden, dass die Lanzette nicht nur aus hygienischen Gründen nur einmal benutzt wird: Denn die Nadelspitze verformt sich mit jeder Benutzung zunehmend, wird stumpf und dadurch der Einstich wesentlich schmerzhafter.

Hand nach unten halten
Ausserdem sollte eine möglichst dünne Nadel (0,2 bis 0,3 mm dick, wird mit «30 G» bzw. «33 G» auf der Packung angegeben) und die geringstmögliche Einstichtiefe gewählt werden, mit der zuverlässig die notwendige Blutmenge gewonnen werden kann. Wenn sich nicht gleich nach dem Einstich ein genügend grosser Blutstropfen bildet, reicht es oft, nach dem Einstich die Hand nach unten zu halten und leicht vom Handteller aus zum Fingerende hin zu streichen.

Haut sanft durchdringen
Ein Pressen der Fingerkuppe muss jedoch vermieden werden. Dabei ist es deutlich weniger schmerzhaft, wenn nur an der Seite der Fingerbeere und an wechselnden Stellen gestochen wird, da in der Mitte der Fingerbeere die Nervenversorgung wesentlich stärker ist. Eine weitere Schmerzreduktion kann durch eine verbesserte Nadelführung sowie durch den Einsatz besonders geschliffener Nadeln erreicht werden: Die Nadel kann so die Haut wesentlich sanfter und ohne «Schwingungen» durchdringen. Eine gefahrlose Entsorgung der Nadeln ist vor allem bei der Verwendung von Lanzettentrommeln oder bei Lanzetten mit integriertem Nadelschutz einfach möglich. Insgesamt kann es sich daher durchaus lohnen, nicht einfach die den jeweiligen Blutzuckermessgeräten beiliegende Stechhilfe zu verwenden, sondern eine wirklich schonende und schmerzarme Stechhilfe zu kaufen und mit optimalen Nadeln zu verwenden.

Andere Messstellen
Mit neueren Messgeräten kann man an alternativen, weniger schmerzhaften Stellen als an der Fingerbeere messen («AST», Alternate site testing) – zum Beispiel am Ober- und Unterarm, Oberschenkel oder Handballen; da hier die Durchblutung deutlich schlechter ist als in der Fingerkuppe, werden kurzfristige Blutzuckerschwankungen an diesen Stellen nur mit einer Verzögerung von etwa einer halben Stunde erfasst. Dies kann gerade bei abfallenden Blutzuckerspiegeln dazu führen, dass eine Unterzuckerung nicht rechtzeitig erkannt wird. Eine Messung an alternativen Stellen ist also nur für die Erfassung von stabilen Nüchtern-Blutzuckerwerten geeignet und nicht sinnvoll nach ­einer Mahlzeit, vor dem Sport, während des Sports oder einer Autofahrt, bei Unterzuckerungsverdacht oder nach einer Insulingabe. Auf der sicheren Seite ist man mit der traditionellen Bestimmung des Blutzuckers.

J. Sandner und Prof. Dr. med. M. Weber
Schwerpunkt Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen
I. Med. Klinik und Poliklinik
Langenbeckstr. 1, 55101 Mainz
Aus «Diabetes-Journal» 4/2010, Deutschland

Adaptiert für die Schweiz von Dr. med. D. Kappeler

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