Basal plus – bedarfsgerechte Insulintherapie für den Typ-2-Diabetes

Zwar haben Ärzte in der Regel einen Grund, wenn sie Diabetikern ein ganz bestimmtes Medikament zur Blutzuckersenkung verordnen. Ganz streng genommen ist es aber – nach dem heutigen Stand unseres Wissens – bedeutend weniger wichtig, wie als dass überhaupt der Blutzucker gesenkt wird. Dies eröffnet dem Arzt mehr Möglichkeiten, Medikamente zu kombinieren oder Tabletten und Insulin gleichzeitig einzusetzen. Bereits Ende der 80er Jahre haben wir damit begonnen, bei Typ-2-Diabetikern, deren Stoffwechselkontrolle unter oralen Antidiabetika nicht mehr genügend war, zusätzlich Insulin zu geben. Da diese Insulinspritze meistens vor dem Schlafen gemacht wird, sprechen viele – Ärzte wie Diabetes-Betroffene – von einem «bedtime-Insulin». Etwas neutraler und im Wissen, dass die Insulingabe jederzeit erfolgen könnte, ist deshalb auch vorgeschlagen worden, von einem «Basalinsulin» oder «Basisinsulin» zu sprechen. (Dies im Gegensatz zum Insulin, welches vor dem Essen gespritzt wird.) Gerne wiederholen wir an dieser Stelle, weshalb es überhaupt nötig sein kann, über Nacht Insulin zu geben, obwohl die meisten Menschen während dieser Zeit ja keine Mahlzeiten zu sich nehmen: Wir sind zeitlebens auf die unmittelbare Verfügbarkeit von Zucker angewiesen. Insbesondere unser Gehirn kann ohne Zucker nicht funktionieren. Wir brauchen deshalb eine unerschöpfliche «Zuckerfabrik» in unserem Körper, damit wir nicht rund um die Uhr dauernd etwas essen müssen.

Die hauptsächlichen Produzenten von Zucker sind die Leber und die Nieren. «Chef» des Unternehmens ist das Insulin. Es regt die Bildung von Zucker allerdings nicht an, sondern bremst sie. Wer nun zu wenig oder schlecht wirksames Insulin hat (Insulinresistenz!), dessen Leber und Nieren stellen mehr Zucker her, als benötigt wird. Dies erklärt die häufige Beobachtung, dass der Blutzucker am Morgen höher ist als vor dem Schlafen. Die überschiessende nächtliche Zuckerproduktion kann übrigens nicht nur mit Insulin gebremst werden, sondern auch mit gewissen Medikamenten. Am besten eignet sich dazu das Metformin (Glucophage®). Zwar verursachen die neuen Analoginsuline (Lantus®, Levemir®) im Allgemeinen etwas weniger (nächtliche) Hypoglykämien als NPH-Insulin (Insulatard®, Huminsulin Basal®).

Grundsätzlich sind aber alle Basalinsuline imstande, die körpereigene Zuckerproduktion zu steuern. Aus den eben erwähnten Gründen ist es meistens angezeigt, das Basalinsulin am Abend beziehungsweise vor der Bettruhe zu spritzen. In einzelnen Fällen ist das Spritzen am Morgen geeigneter. Nur wenige Typ-2-Diabetiker, welche mit einer Kombination von Tabletten und Basalinsulin behandelt werden, benötigen 2 Spritzen.

Obwohl diese Form der Behandlung nach dem Ungenügen einer alleinigen Tablettentherapie oft wieder für Jahre zu einer guten Stoffwechselkontrolle führen kann, ist in vielen Fällen damit zu rechnen, dass der HbA1c-Wert irgendwann wieder anzusteigen beginnt. Der Diabetes hat leider ein «Eigenleben». Er steht nicht einfach still, sondern verschlechtert sich über die Jahre langsam. Die Bauchspeicheldrüse hat immer weniger Reserven, um eigenes Insulin zu produzieren. In dieser Situation war es früher üblich, die oralen Antidiabetika zu stoppen und auch für die Mahlzeiten Insulin zu spritzen. Wenn man nicht auf 2 Injektionen eines Mischinsulins wechselte, z.B. Mixtard® – eine Therapie, die einen ganz geregelten Tagesablauf erfordert –, bedeutete dies den unmittelbaren Wechsel von 1 direkt auf 4 oder 5 Spritzen pro Tag.

Es lag deshalb nahe, einen allmählichen Übergang von der einen zur anderen Therapie auszuprobieren. Voraussetzung für eine Therapieänderung ist das Messen des Blutzuckers nicht nur vor, sondern auch 2 Stunden nach den Mahlzeiten für 2 bis 3 Tage. Man wird dabei feststellen, dass der Blutzuckeranstieg in Antwort auf das Essen in der Regel nach Tageszeit verschieden ausfällt. Zu derjenigen Mahlzeit, nach der die höchsten Blutzuckerwerte gemessen werden, wird dann zukünftig kurzwirkendes Insulin gespritzt.

Dieser Vorgang wird später bei erneut ungenügendem HbA1c wiederholt, bis nach Monaten oder Jahren alle Mahlzeiten mit Insulin abgedeckt werden müssen. Selbstverständlich ist es auch jederzeit möglich, zu einzelnen nicht gerade «diabetesgerechten» Mahlzeiten kurzwirkendes Insulin zu spritzen, im Alltag aber noch mit blutzuckersenkenden Tabletten zu behandeln. Diese streng bedarfsorientierte Therapie wird oft als Basal plus bezeichnet. Basal plus gewährleistet also den «sanften» Übergang von einer basalen Insulintherapie, kombiniert mit oralen Antidiabetika, auf eine intensivierte Insulintherapie (im Allgemeinen nach dem Basis-Bolus-System). Basal plus ist eine auf die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen abgestimmte Behandlungsform des Typ-2-Diabetes. Sie hilft wirksam mit, Folgeschäden der Krankheit zu verzögern oder ganz zu verhindern.

Dr. med. K. Scheidegger