Ausdauer- und Krafttraining

Gehört: Ausdauertraining ist gut für meinen Diabetes, aber auf Krafttraining spricht mein Blutzucker nicht an. Ich höre deshalb damit wieder auf.

Geantwortet: Das sieht nur so aus. Sie täuschen sich! Jede (!) Art von Sport ist gut für den Diabetes. Körperliche Aktivität senkt den Blutzucker bzw. reduziert den Insulinbedarf letztlich immer. Beim Typ-2-Diabetes wird auch die Insulinresis­tenz immer verbessert. Ihre Beobachtung stimmt aber schon: Es kommt oft vor, dass der Blutzucker am Ende eines kraftbetonten Trainings gleich hoch oder sogar höher liegt als vor der Aktivität. Gleiches gilt auch für sehr intensives Training, z. B. Bergläufe oder Sprints. Hier wird das Insulin erst nach Abschluss der körperlichen Aktivität einge­spart, der Blutzucker sinkt in der Erholungsphase. Dies hat selbstverständlich zur Konsequenz, dass erhöhte Blutzuckerwerte unmittelbar nach intensivem oder kraftbetontem Sport nicht korrigiert werden sollten. In vielen Fällen kommt es sonst in den folgenden Stunden zu Hypoglykämien. Erst wenn der Blutzucker zwei bis drei Stunden nach der Aktivität nicht eindeutig fallende Tendenz hat – was auch immer der Grund sein mag –, ist Korrekturinsulin angezeigt.
Beim Wettkampfsport kommt auch noch das Adrenalin dazu. Darüber können Betroffene gut berichten. Etwa jener Spitzen-Eishockeyaner – er gehört ­allerdings nicht der Vizeweltmeister-Mannschaft an –, der seine Insulinpumpe während des gesam­ten Spiels, das ja extrem intensiv und streng ist, normal «laufen lassen» muss. Erst im Anschluss muss er für rund 2 Stunden die Pumpe dann ausschalten, um nicht in eine Unterzuckerung zu geraten.
Was mag wohl die Ursache sein für diesen unerwarteten Blutzuckeranstieg trotz körperlicher Aktivität? Letztlich ist die Erklärung wohl ganz einfach. Unser Körper merkt, dass eine ungewöhnliche (gefährliche?) Situation aufgetreten ist und versucht über die Ausschüttung der «Gegenhormone», des Insulins, so rasch wie möglich genügend Zucker zur Verfügung zu stellen, um die kritische Situa­tion zu überstehen. Wie will er auch wissen, dass es nur um ein Freizeitvergnügen geht und nicht ums Überleben? Der Sport ist in unserer Entwicklungsgeschichte ja etwas Neues, Unnatürliches.  Da kann es dann durchaus zu einer überschiessenden Reaktion kommen: lieber zu viel Zucker als zu wenig.  
Fassen wir zusammen: Unmittelbar nach intensivem oder kraftbetontem Sport kann der Blutzucker durchaus unverändert oder gar erhöht sein. Er sinkt dann erst in der Erholungsphase ab. Alle Effekte auf den Diabetes und die allgemeine Gesundheit sind beim Kraftsport ebenso günstig wie beim Ausdauersport. Also: Ab an die Geräte! Oder wie unser Sportlehrer zu sagen pflegte: Am Eisen sich erholen!

Dr. med. K. Scheidegger

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