Anwendung von Komplementärmedizin bei Typ-1-Diabetes

Die Ursache des Typ-1-Diabetes mellitus ist ein Untergang der Betazellen in der Bauchspeicheldrüse mit nachfolgendem Mangel an Insulin. Die Therapie besteht im Ersatz des fehlenden Insulins durch Spritzen von pharmakologisch hergestelltem Insulin.
Dennoch wird immer wieder auch nach alternativen Therapiemethoden für den Typ-1-Diabetes gesucht. Der bisherige Erfolg ist allerdings gering bis fehlend.

Komplementärmedizinische Therapien
Am bekanntesten ist wohl Zimt. Einige Forschungsarbeiten konnten einen positiven Effekt dieses Rindenextraktes auf die Insulinausschüttung und die Insulinwirkung sowohl auf isolierte Zellen im Labor (in vitro) wie auch bei Menschen mit Typ-2-Diabetes (in vivo) zeigen. Dieser Effekt ist aber bei Typ-1-Diabetes nicht nachweisbar.
Zink spielt eine wichtige Rolle in der Insulinproduktion in der Betazelle. Bisher konnte aber kein Nutzen einer zusätzlichen Zink-Einnahme bei Diabetikern nachgewiesen werden.
Viele Diabetes-Tees sind im Handel erhältlich. Die meisten davon enthalten Heidelbeerblätter, welche wiederum reich an Chrom sind.
Die landläufig vermeintliche positive Wirkung von Chrom auf die diabetische Stoffwechselkontrolle konnte bisher nie nachgewiesen werden.
In Tierversuchen konnte Ginseng die Insulin­ausschüttung steigern. Beim Menschen wurde diese Wirkung bisher nicht im Detail untersucht.
Fischöl  steigert die Insulinwirkung bei Typ-2 diabetischen Mäusen (und vermutlich auch Menschen). Auch diese Wirkung konnte bei Typ-1-Diabetikern bisher nicht nachgewiesen werden.
Entspannungstechniken wie Akupunktur, Reflexzonenmassage, Bioresonanz, Kraniosakraltherapie usw. reduzieren den körperlichen Stress, was eine blutzuckersenkende Wirkung hat.
Gewisse Medikamente der traditionellen chinesischen Medizin reduzieren die Insulinresistenz bei Typ-2-Diabetikern, zeigen jedoch keine Wirkung bei Typ-1-Diabetikern.
Homöopathie kann das allgemeine Wohlbefinden verbessern, jedoch nicht direkt den Blutzucker  beeinflussen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Komplementärmedizin im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich komplementär (zusätzlich) zur Insulintherapie, zu einer Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens führen kann. Sie darf jedoch nicht alternativ zu (anstelle von) einer Insulintherapie eingesetzt werden, da dies zu lebensgefährlichen ­Situationen führt.

Gebrauch von Komplementärmedizin bei Schweizer Typ-1-Diabetikern
Im Jahre 2005 wurden 342 Personen (Kinder und Erwachsene) mit Typ-1-Diabetes, welche entweder in einer diabetologischen Schwerpunktpraxis, in einer Universitätsklinik für Erwachsene oder einer Kinderklinik betreut werden, zu ihrer Erfahrung mit Komplementärmedizin befragt. Achtundvierzig (14%) gaben an, irgendeine komplementäre Therapieform eingesetzt zu haben in der Behandlung ihres Diabetes. Die verschiedenen Methoden sind in Abb. 1 zusammengestellt.
Das Hauptziel beim Einsatz von Komplementärmedizin war die Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens und nicht die Blutzuckereinstellung. Insgesamt konnte das Hauptziel erreicht werden. Eine positive Auswirkung auf den Blutzucker wurde jedoch selten verspürt.
Wir schliessen daraus, dass Personen mit Typ-1-Diabetes in der Schweiz gut über die Ursache und Therapie ihrer Krankheit informiert sind. Die Insulintherapie wird nicht in Frage gestellt. Komplementärmedizin wird zur Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens eingesetzt, nicht jedoch als Insulinersatz. Wir befürworten diese Praxis und hoffen weiterhin auf eine gute Zusammenarbeit zwischen der Schul- und der Komplementärmedizin zugunsten der Patienten.

Dr. med. Ursina Scheidegger
Prof. Dr. med. Primus Mullis
Universitätskinderklinik, Inselspital, Bern

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