Alternativmedizin in der Diabetestherapie?

«Ich wäre durchaus bereit, etwas Pflanzliches zu nehmen, aber Medikamente möchte ich noch nicht», erklärt die 52-jährige Frau K. ihrem Arzt. Man hat bei ihr vor fünf Monaten einen Diabetes mellitus Typ 2 diagnostiziert. Die Blutzuckerwerte sind aktuell leicht über dem Zielbereich. «Auch Homöopathie wäre mir recht. Ich kenne einen guten Arzt.»

Efeukürbis-Bockshornklee-Feigenkaktus
Coccinia indica(Efeukürbis) - Trigonella foenum (Bockshornklee) - Opuntia streptacantha (Feigenkaktus)

Gesunde Ernährung, regelmässige Bewegung: Alternativmedizin pur!

Viele Betroffene haben den Wunsch, ihren Diabetes möglichst natürlich zu behandeln, vielleicht auch Sie. Dies ist selbstverständlich ganz im Sinne der betreuenden Ärzte. Leider sind die Vorstellungen von einer natürlichen Therapie aber oft sehr verschieden. Die Betreuenden denken dabei in erster Linie an eine gesunde, ausgewogene Ernährung mit viel frischen und saisongerechten Produkten und an regelmässige körperliche Aktivität. Diese Lebensstil-Massnahmen erfüllen die Kriterien einer natürlichen Behandlung perfekt.

Indes: Der Wunsch nach einem gesunden Lebensstil ist oft grösser als der Wille, die dazu nötigen Schritte umzusetzen. Es ist deshalb gut verständlich, dass Ernährung und Bewegung von den Betroffenen – bewusst oder unbewusst – ein viel zu geringer Stellenwert beigemessen wird. Sie denken in erster Linie an pflanzliche Medikamente und alternative Behandlungen.

Von der Schulmedizin Empfohlenes wird gefühlsmässig vielleicht auch à priori nicht als natürlich eingestuft. Halten wir aber nochmals klar fest: Die Grundlage jeder Therapie beim Typ-2-Diabetes – gesunde Ernährung und regelmässige Bewegung – ist das Natürlichste überhaupt! Alternativmedizin pur!

Das Armentarium alternativmedizinischer Be­hand­lungen ist in den letzten Jahren stark erweitert worden. Stellvertretend seien erwähnt: Akupunktur, traditionelle chinesische Medizin, Ayurveda, Atlaslogie, Osteopathie und selbstverständlich die Homöopathie. Etwa jeder dritte Diabetiker vertraut inzwischen neben der klassischen schulmedizinischen Behandlung auch alternativen Therapieformen. Wir sind nicht in der Lage, den genauen Einfluss der einzelnen Methoden auf den Diabetes zu beurteilen. Es gibt auch keine Studien dazu, welche nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt wurden und deshalb einen Vergleich mit anderen therapeutischen Massnahmen zulassen würden. Unsere Empfehlungen sind deshalb rein pragmatisch: Wer bezüglich Wohlbefinden von einer alternativmedizinischen Behandlung profitieren kann, soll diese Therapieform begleitend beibehalten. Allein schon das erhöhte Wohlbefinden kann dazu beitragen, die Diabeteseinstellung noch weiter zu verbessern.

Im Folgenden werden wir uns hauptsächlich auf die Phytotherapie beschränken, die Behandlung des Diabetes mit pflanzlichen Essenzen und eventuell Nahrungszusätzen bzw. -ergänzungen.

«Mirakel-Frucht»-Aloe vera-Balsambirne/Bittermelone
Gymnema sylvestre («Mirakel-Frucht») - Aloe vera - Momordica charantia (Balsambirne, Bittermelone)

Gut, aber nicht gut genug

Obwohl seit Jahrhunderten in Gebrauch, insbesondere in China, Indien, Südamerika und bei zahlreichen Indianerstämmen in den USA, gibt es bezüglich Wirksamkeit von Pflanzenextrakten auf den Diabetes erstaunlich wenig gesichertes Wissen. Immerhin ist bekannt, dass keines dieser pflanzlichen Heilmittel die Wirkungsstärke der bei uns eingesetzten Antidiabetika erreicht. Deshalb hat auch nie jemand aufwändige und teure Studien durchgeführt. Zudem gibt es noch zahlreiche andere Hindernisse auf dem beschwerlichen Weg, gute Studien mit pflanzlichen Essenzen durchzuführen. Zu erwähnen sind:

  • Die Standardisierung pflanzlicher Produkte ist nicht so klar geregelt wie in der pharmazeutischen Industrie. Die meisten pflanzlichen Produkte unterliegen nicht den strengen Kriterien bezüglich Herstellung, Konzentration und Reinheit wie sie für Medikamente gelten.
  • Das Alter einer Pflanze, der Zeitpunkt des Pflückens, die klimatische Lage des Anbaufeldes, die Methoden des Trocknens und der weiteren Verarbeitung sind möglicherweise von nicht geringem Einfluss auf die erwünschte Wirkung. Dazu gibt es aber weder allgemeine Richtlinien noch eine Deklarationspflicht.
  • Unterschiede zwischen vermeintlich gleichen Pflanzen können bedeutsam sein. So kommt zum Beispiel koreanischer, japanischer, sibirischer und amerikanischer Ginseng nicht von der gleichen Pflanze. Die entsprechenden Studienresultate sind deshalb nur bedingt vergleichbar.
  • Die unterschiedliche Ernährung in verschiedenen Ländern macht es sehr schwierig, Resultate von Studien mit Nahrungsergänzungen gültig zu vergleichen. (Latente) Mangelzustände können zu anderen Resultaten führen als eine genügende, ausgewogene Grundnahrung.

Es steht ausser Zweifel, dass es mehrere Pflanzen mit einer nachgewiesenen Wirkung auf den Diabetes gibt. Erwähnt seien:

Coccinia indica (Efeukürbis)
Trigonella foenum (Bockshornklee)
Panax quinquefolium (amerikanischer Ginseng)
Opuntia streptacantha (Feigenkaktus)
Gymnema sylvestre («Mirakel-Frucht»)
Aloe vera
Momordica charantia (Balsambirne, Bittermelone)

Interessierte finden im Internet unter den entsprechenden Namen zusätzliche Informationen.

Selbstverständlich werden im Alltag noch viele andere pflanzliche Essenzen in der Therapie des Diabetes eingesetzt, vorwiegend in Form von Teemischungen, wie z. B. Heidelbeerblätter, Bohnenblätter etc. Gegen deren Gebrauch ist prinzipiell nichts einzuwenden. Irgendetwas trinken muss der Mensch ja … Allerdings ist die tatsächliche Wirkung dieser Tees sehr viel geringer als die erhoffte und oft auch angepriesene. Der nicht selten stolze Preis solcher Teemischungen ist deshalb in der Regel nicht gerechtfertigt.

Generelle, positive Empfehlungen für den Einsatz von pflanzlichen Heilmitteln bei Diabetes können nach dem heutigen Stand des Wissens nicht gemacht werden. Da die Aussage «Nützt’s nüüt, so schadt’s nüüt» keineswegs stimmt – denken Sie an den «ganz natürlichen» Knollenblätterpilz – sollten pflanzliche Substanzen nur eingesetzt werden, wenn eine eindeutige Deklaration des Inhalts vorliegt.

Wer den Wunsch hat, sich mit Phytotherapeutika zu behandeln, sollte dies nie «im Geheimen» tun, sondern mit dem betreuenden Arzt besprechen. Es gibt einige Unverträglichkeiten zwischen klassischen und pflanzlichen Medikamenten, die durchaus nicht harmlos sind. Brechen Sie auch nie eine schulmedizinische Behandlung ohne Kenntnis des Arztes ab. Eine alternativmedizinische Therapie des Diabetes mag im Einzelfall gut sein, ist in aller Regel aber nicht gut genug!

Und nochmals: Eine gesunde, ausgewogene Ernährung verbunden mit regelmässiger körperlicher Aktivität ist eine ausgezeichnete natürliche Therapie des Typ-2-Diabetes.

Der Natur abgeschaut

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die forschende Pharmaindustrie ein reges Interesse hat an jeder Form von natürlichen Substanzen mit blutzuckersenkendem Effekt. Denken Sie zum Beispiel an die Entdeckung der GLP-1-Analoga (siehe «d-journal» 180/2006). Dort war es der Speichel des Gila-Mons­ters, einer äusserst genügsamen Echse in der Wüste Arizonas, der zur Entwicklung dieser heute etablierten und weltweit gebrauchten Medikamentenklasse führte. Oder das Metformin, das älteste und am besten bekannte orale Antidiabetikum. Dieses Medikament wurde abgeleitet von der seit langem in der Behandlung des Diabetes eingesetzten Galega officinalis, der echten Geissraute. Auch ausserhalb der Diabetologie werden selbstverständlich zahlreiche Medikamente gebraucht, die «der Natur abgeschaut» wurden. Gut bekannt ist unter anderen das Digitalis, ein Heil- und Giftstoff aus dem roten Fingerhut, das während Jahrzehnten zur Behandlung von Herzproblemen Verwendung fand.

Diese Beispiele zeigen, dass die Natur nicht selten als Vorbild dient für die Entwicklung neuer Medikamente. Die von manchen Leuten gemachte strikte Unterscheidung zwischen natürlichen und chemischen Substanzen ist äusserst fragwürdig. Versuchen wir doch, einträchtig von beidem das Beste zu wählen.

«Zimtsterne gegen Diabetes»?

«Zimtsterne gegen Diabetes»? war zur Weihnachtszeit 2003 in einer Illustrierten zu lesen. Dieser selbstverständlich nicht ganz seriöse Titel basierte auf den Resultaten einer von pakistanischen Ärzten durchgeführten Studie, die damals veröffentlicht wurden. Zwar wurde Zimt in der Ayurveda-Medizin seit Jahrhunderten gebraucht, seine Wirkung allerdings nie richtig untersucht. 60 Personen mit Typ-2-Diabetes wurde 1, 3 oder 6 Gramm Zimt oder ein Placebo-Pulver pro Tag verabreicht. Nach 3 bis 6 Wochen zeigte sich eine signifikante Senkung des Glukosespiegels. Auch die Blutfette – LDL-Cholesterin und Triglyceride – konnten gesenkt werden. Nebenwirkungen traten keine auf. Die genaue Wirkung von Zimt auf den Diabetes konnte nicht abschliessend geklärt werden. Könnte man durch die regelmässige Einnahme von Zimt vielleicht dem Diabetes vorbeugen? Liesse sich der Einsatz von oralen Antidiabetika verzögern? Könnte Insulin eingespart werden?

Etwas später wurde diese «Idylle» empfindlich gestört. Das im Zimt enthaltene Cumarin wurde als leberschädigend beurteilt. Allerdings traten Probleme nur auf bei Menschen, die bereits eine kranke Leber hatten. Zudem hat der aus Sri Lanka stammende «Ceylon-Zimt» einen sehr tiefen Cumaringehalt. Und auch vom Cumarin-reicheren «China-Zimt» oder «Cassia-Zimt» müsste man täglich grössere Mengen konsumieren, um eine gesunde (!) Leber eventuell schädigen zu können.

In weiteren Studien konnte – ziemlich unerwartet – kein Effekt von Zimt auf den Blutzucker, das HbA1c oder die Blutfette gefunden werden. Haben die in einzelnen Studien gleichzeitig gegebenen oralen Antidiabetika den Zimt-Effekt neutralisiert? Sprechen einige Diabetiker auf Zimt an, andere aber nicht? Nach heutigem Stand des Wissens kann eine generelle «Nahrungsergänzung» mit Zimt nicht empfohlen werden. Also: Falls Sie dies wünschen, nehmen Sie für einige Wochen 1 Gramm Zimt, bevorzugt aus Sri Lanka, ein. Falls Ihre Blutzuckerwerte aber nicht eindeutig besser werden, können Sie die Behandlung bedenkenlos wieder stoppen.

Und ausserdem …

  • Das Spurenelement Chrom ist unerlässlich zur Aufrechterhaltung eines normalen Glukosestoffwechsels. Es spielt eine Rolle für das richtige Funktionieren der Insulinrezeptoren. Die Studien über Chrom als Nahrungs-Supplement zeigen unterschiedliche Resultate. Dies mag damit zu tun haben, dass die günstigen Resultate hauptsächlich aus China stammen, dessen Bevölkerung möglicherweise leicht unterversorgt ist mit Chrom.
  • Vanadium ist ein Spurenelement, von dem man nicht sicher weiss, ob es für den Menschen wirklich nötig ist. Da es insulinähnliche Effekte hat, wird Vanadium aber immer wieder in Zusammenhang gebracht mit der Behandlung des Diabetes.
  • Magnesium, Vitamin E und α-Liponsäure haben keinen direkten Einfluss auf den Blutzucker.
  • Knoblauch, Zwiebeln und Basilikum können die Küche zweifellos bereichern! Zur Blutzuckersenkung taugen sie aber nicht.

Seit jeher wird von der Schulmedizin zur Behandlung des Typ-2-Diabetes eine perfekt natürliche Basistherapie propagiert: eine ausgewogene Ernährung und eine regelmässige körperliche Aktivität!

Dr. med. K. Scheidegger

Gila-Monster
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