Das HbA1c ist nicht die ganze Wahrheit

Gehört: «Solange mein HbA1c gut ist, mache ich keine Dokumentation meiner Blutzuckerwerte mehr. Ich kontrolliere auch weniger als früher»,  bemerkt Herr O., Typ-1-Diabetiker seit 15 Jahren. «Man bekommt mit der Zeit ja auch eine gewisse Routine und kann den Blutzucker ziemlich gut abschätzen».
Sein Glykohämoglobin lag in den letzten Jahren ziemlich konstant zwischen 6,7 und 7,3 %.

Geantwortet: Ich kann Herrn O. gut verstehen. Vielleicht würde ich an seiner Stelle auch so handeln. Erlauben Sie mir aber trotzdem zwei Bemerkungen:
Der Wert des HbA1c ist zwar unzweifelhaft sehr wichtig. Alle Studien, die bezüglich diabetischer Folgeschäden durchgeführt worden sind, werden auf das HbA1c bezogen. Je höher das durchschnittliche HbA1c liegt, desto wahrscheinlicher treten Probleme an Augen, Nieren und Füssen auf. In den letzten Jahren ist allerdings immer klarer geworden, dass dieser Wert, der so einfach zu messen ist, nicht «die ganze Wahrheit» bedeutet. Er widerspiegelt ja nur den durchschnittlichen Blutzucker (über die letzten drei Monate), kann aber keine Auskunft geben, wie gross die Blutzucker-Schwankungen sind. Die sogenannte Blutzucker-Variabilität ist indes sicher von erheblicher Bedeutung. Der gleiche Glykohämoglobinwert hat also nicht immer den gleichen Einfluss auf die Gesundheit. Ganz genaue Zahlenvergleiche sind zwar nicht bekannt. Man kann aber durchaus davon ausgehen, dass zum Beispiel ein HbA1c von 7,5 %, das erreicht wurde mit vielen in ähnlichem Bereich gelegenen Blutzuckerwerten, nicht «schlechter» ist als eines von 7,0 %, aber mit dem Hintergrund vieler hoher Werte und zahlreicher Hypoglykämien.
Ich habe dieser Tage einen Landwirt zur ersten Kontrolle unter einer Insulinpumpentherapie gesehen. Sein HbA1c ist mit 7,1% zwar genau gleich geblieben wie unter der konventionellen Insulinbehandlung. Die Blutzucker-Variabilität hat aber, dank der besseren Steuerbarkeit mit der Pumpe vor allem bei körperlicher Arbeit, ganz bedeutend abgenommen. Dies hat übrigens – erfreulicherweise – auch dazu geführt, dass er sich seit dem Therapiewechsel eindeutig wohler und leistungsfähiger fühlt.
Die zweite Bemerkung betrifft das Spüren der Blutzuckerwerte. Sicher kommt es vor, dass man manchmal den Blutzucker recht genau voraussagen kann. In einer Studie ist aber schon vor längerer Zeit gezeigt worden, dass auch erfahrene Diabetiker in ihren Schätzungen oft deutlich «daneben» liegen, vor allem selbstverständlich im Bereich mittlerer Blutzuckerwerte. Hohe und tiefe Resultate werden eher bemerkt. Das Gefühl kann das Messen leider nicht ersetzen. Und bitte: Machen Sie keine Korrekturen mit Insulin lediglich auf Grund «gefühlter» Blutzuckerwerte. Ich habe gerade in den letzten Tagen wieder zwei schwere Hypoglykämien geschildert bekommen, weil ein als hoch empfundener Blutzucker «blind» herunter gespritzt wurde.


Dr. med. K. Scheidegger