Blutzucker nach dem Essen

Kürzlich habe ich gelesen, der Blutzucker nach dem Essen sei für die Diabeteseinstellung viel wichtiger als der Nüchternblutzucker. Bisher habe ich auf Anweisung von meinem Hausarzt immer nüchtern gemessen. Soll ich etwas ändern?

Ziel einer guten Diabeteseinstellung ist das Vermeiden von Folgeschäden, so dass Diabetiker möglichst genau so lange gesund bleiben wie Nicht-Diabetiker. Aus Studien weiss man viel über den Zusammenhang zwischen der Höhe des Dreimonatswerts (HbA1c) und Folgeschäden des Diabetes. Ein hohes HbA1c ist sicher ungünstig. Bei Werten im Bereich von 6–7% treten die Komplikationen erst nach vielen Jahren auf, weshalb diese Werte als gut angesehen werden. Von zwei Patienten mit dem gleichen HbA1c ist sicher derjenige besser eingestellt, bei dem die Werte weniger schwanken. Das HbA1c spiegelt alle Werte rund um die Uhr wider. Das heisst sowohl Werte vor, während wie auch nach dem Essen. Ob von diesen Werten die einen oder anderen für die Folgen des Diabetes wichtiger sind, ist aber schwierig zu sagen. Das liegt daran, dass es schwierig ist, Patien­ten für einen Vergleich zu finden, bei denen nur die nüchternen oder nur die Werte nach dem Essen schlecht sind. Oft sind beide Werte schlecht, oder sie wechseln auch je nach Mahlzeit. Um mit ­einer Studie etwas über die unterschiedliche Wichtigkeit von erhöhten Werten vor oder nach dem Essen zu sagen, müssten aber die entsprechenden Patienten klar getrennt werden können.
Sicher ist es von Vorteil, wenn der Blutzucker vor und nach dem Essen nicht zu hoch ist. Dass klassischerweise der Zucker vor dem Essen gemessen wird, hat damit zu tun, dass viele Diabetiker die Dosis ihres Insulins an den Wert vor dem Essen anpassen. Dies dient zur Korrektur von Blutzuckerschwankungen der letzten Stunden vor dieser Messung. Das Essen wird anhand der geschätzten Kohlenhydratmenge mit einbezogen und muss nicht über den gemessenen Blutzucker mitgerechnet werden, würde diesen aber natürlich verändern. Für diese Art der Insulindosierung muss also der Nüchternwert vor dem Essen verwendet werden.

Gerade auch für Typ-2-Diabetiker kann es aber durchaus Sinn machen, gelegentlich nach dem Essen zu messen, um zu wissen, wie stark gewisse Mahlzeiten den Zucker ansteigen lassen. So können Lebensmittel mit sehr ungünstiger Auswirkung auf den Blutzucker vermieden werden. Die Normwerte für den Blutzucker nach dem Essen sind natürlich etwas anders als für Werte vor dem Essen und hängen auch vom Abstand der Messung von der letzten Messung ab. Bei einer Messung 2–3 Stunden nach dem Essen wäre ein Blutzucker unter 8 mmol/l ideal. Er sollte auf jeden Fall 10 mmol/l nicht überschreiten.

Dr. med. D. Kappeler

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