Diabetes Typ 1 – wir räumen auf !

Vorurteile, falsches Wissen, Bequemlichkeit: Immer wieder sind Kinder mit Diabetes Typ 1 und deren Eltern damit konfrontiert. Wer hat eine der unten beschriebenen Situationen nicht auch schon erlebt? Zeit, etwas aufzuräumen! Wir zeigen, wie es besser geht.

 

Situation 1

Sofia kommt mit einem BZ von 23 mmol/l vom Fernsehnachmittag bei der Grossmutter nach Hause. Die Nachfrage ergibt: «Ich habe ihr keinen Zucker gegeben, ich weiss ja schliesslich Bescheid! Aber ein paar Toasts mit Butter sind ja kein Problem, oder?»

Sofia darf für einen Fernsehnachmittag zur Grossmutter. Da klingelt das Telefon bei der Mutter: «Du, Sofia hat so Hunger. Ich bin jetzt aber grad nicht mehr sicher, was ich ihr geben darf, ohne dass sie Insulin spritzen muss». – «Super, dass du anrufst, da bin ich sehr froh darüber! Du hast doch immer ein paar Babybel und Minipic im Kühlschrank, oder? Davon darf sie problemlos essen, ohne dass sie Insulin abgeben muss!»

Situation 2

In der Schule, der letzte Tag vor den Fe­rien. Die Lehrerin macht eine lockere Klassenstunde, in der alle berichten dürfen, worauf sie sich im nächsten Schuljahr besonders freuen. Und weil es ja eben eine lockere Stunde sein soll, werden grosszügigerweise auch Chips und Ice Tea serviert. Der 10-jährige Timo weiss zwar genau, dass er jetzt nicht einfach so zugreifen dürfte, hat aber keinen Bock zu überlegen, wie viele Kohlenhydrate da wohl drin stecken, wieviel Insulin er dafür abgeben müsste – und überhaupt, mit dem Pen in der Schule zu spritzen ist ja sowas von ätzend. Das schlechte Gewissen sitzt ihm zwar im Nacken, aber er greift trotzdem zu.

Die Lehrerin will in der letzten Schulstunde des alten Schuljahres eine lockere Klassenstunde durchführen. Sie weiss, dass sie dem Typ-1-Kind in ihrer Klasse mächtig Stress verursacht, wenn sie sackweise Gummibärli, Chips und Süssgetränke anbietet. Sie schreibt den Eltern ein paar Tage vorher ein Mail und fragt, wie eine solche Lektion möglich wäre, ohne dass das Diabetes-Kind abseits stehen muss. Man einigt sich darauf, dass Süssgetränke in der Schule sowieso nichts verloren haben, dass sie für die Kinder einen Schoggikuchen (das Rezept schickt sie vorher den Eltern) backt. Die Eltern und Timo ihrerseits sorgen dafür, dass das nötige Insulin berechnet und grad vor der Stunde noch zu Hause injiziert wird.

Situation 3

Ein Klassenkamerad lädt zum Geburtstagsfest ein. Auf sanftes Drängen seiner Mutter «vergisst» er, sein Gspönli, das Dia­betes hat, einzuladen. Die Mutter hat keine Lust, sich an diesem für sie sonst schon turbulenten Nachmittag auch noch mit dem Diabetes auseinanderzusetzen. Und schliesslich ist es das Geburtstagsfest ihres Kindes! Bei der wilden Schatzsuche draussen trifft die ganze Kinderschar auf das nicht eingeladene Kind, das traurig und allein auf der Strasse Velo fährt.

Ein Klassenkamerad lädt zum Geburtstagsfest ein. Beim Einladungen schreiben fragt er seine Mutter: «Du, soll ich den Damian auch einladen? Weisst du, er hat jetzt doch Diabetes und ich weiss nicht so recht…». Seine Mutter sagt klipp und klar: «Natürlich lädst du ihn auch ein! Weisst du, ich glaube, das mit dem Diabetes ist für ihn überhaupt nicht lustig. Stell' dir mal vor, wie er sich fühlt, wenn er deswegen nun auch noch nicht mehr eingeladen wird! Ich frage seine Eltern, wie das geht wegen den Süssigkeiten und so». Damian freut sich riesig über die Einladung. Weil er noch nicht so viel Erfahrung hat, kommt sein Vater kurz vor dem Kuchenessen rasch vorbei, misst mit ihm Blutzucker und hilft ihm mit dem Insulin injizieren.

Situation 4

Bei Petra wird mit 9 Jahren Diabetes Typ 1 diagnostiziert. Ihr Vater informiert ihre Klasse altersgerecht über die Krankheit. Eine Woche später begegnet ihm ein Klassenkamerad von Petra. Er sagt: «Gälled Sie, die Krankheit kommt vom zu vielen Zucker essen?» – «Wie kommst du jetzt da drauf?», fragt der Vater zurück. «Mein Opa hat gesagt, wenn ich weiter so viele Bonbons und Guetsli esse, bekomme ich das auch!»

Dieselbe Ausgangslage. Der Klassenkamerad trifft Petras Vater beim Einkaufen. «Sie, ich habe mit meinem Opa über Petras Krankheit geredet. Er ist jetzt unsicher, ob er da irgendwas mit einem anderen Diabetes verwechselt. Ihm habe man gesagt, er solle abnehmen und sich mehr bewegen; aber Petra ist doch schlank und macht so viel Sport – wie kann das sein? Er hat gefragt, ob ich ihm vielleicht ein Infoblatt besorgen könnte, damit er Bescheid weiss».

Situation 5

Für Familie Müller bricht eine Welt zusammen. Bei ihrem erst 2-jährigen Töchterchen ist Diabetes Typ 1 diagnostiziert worden. Noch völlig unter Schock versuchen sie, ihren Alltag neu einzurichten, und bekommen dabei viele gut gemeinte Sprüche zu hören, die treffen, statt trösten: «Seid froh, dass ihr nicht in Afrika seid!» – «Zum Glück ist es nicht Krebs!» – «Das wird sich schon wieder auswachsen!» – «In der Schweiz kann man das ja gut behandeln».

Nach der niederschmetternden Diagnose ihres kleinen Töchterchens bekommt Familie Müller mitfühlende Unterstützung: «Ich sehe, dass ihr völlig verzweifelt seid. Ich nehme euch mal die übrigen Kinder am Wochenende ab, damit ihr etwas zur Ruhe kommen könnt». – «Das tut uns wahnsinnig leid! Wie können wir euch unterstützen?» – «Oh je! Sag mal, kannst du mir erklären, was ihr genau machen müsst und wie euer Alltag jetzt aussieht?» - «Ich habe eine Bekannte, deren Kind auch Diabetes Typ 1 hat. Wenn du magst, kann sie dich vielleicht mal anrufen».

Barbara Krynski-Suter

Vizepräsidentin des Vereins Swiss Diabetes Kids 

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