
Omega-3-Fettsäuren
Obwohl die Inuit (Eskimos) in Grönland wenig Salat, Gemüse und Früchte essen, ist schon in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgefallen, dass die Bevölkerung der Inuits auffallend selten an Herz-Kreislauf-Problemen erkrankt. Genauere Untersuchungen haben ergeben, dass ihre Ernährung sehr reich ist an sogenannten Omega-3-Fettsäuren, die in hoher Konzentration vorkommen in gewissen Fischarten und im Fleisch von Robben und Walen. Diese Beobachtung hat vermehrtes Interesse geweckt an diesem Nahrungsfett. Wir haben im «d-journal» 145, 2000 erstmals darüber berichtet.
Unsere Nahrungsfette enthalten vorwiegend Fettsäuren. Diese werden unterteilt in gesättigte, einfach ungesättigte und mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Abb. 1). Weil sie vom Körper nicht selbst hergestellt werden können, sondern mit der Nahrung zugeführt werden müssen, gehören die meisten mehrfach ungesättigten Fettsäuren zu den essentiellen Fettsäuren. Diese wiederum werden entsprechend ihrer chemischen Struktur unterteilt in Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren (Abb. 2). Der Bedarf an Omega-6-Fettsäuren ist mit 1– 2,5 % und an Omega-3-Fettsäuren mit lediglich 0,2 – 0,7 % des gesamten täglichen Energiebedarfs zwar gering, ein entsprechender Mangel kann aber zu ernsten Krankheitsbildern führen, z. B. an der Haut.
Von den drei wichtigsten Omega-3-Fettsäuren werden die Eicosapentaensäure (EPA) und die Docosahexaensäure (DHA) ausschliesslich von Meerespflanzen aus Omega-6-Fettsäuren gebildet. EPA und DHA gelangen dann mit der Nahrungskette in Meerfische, insbesondere in Lachs, Thon, Hering und Makrelen, also «fette» Fische. Man spricht deshalb auch von Fischölen. Auch marine Säugetiere wie Robben, Walrosse und Wale sind gute Quellen für Omega-3-Fettsäuren. Die Alpha-Linolensäure kommt vor in grünem Gemüse, vor allem aber in Pflanzenölen, z.B. Raps-, Baumnuss- oder Sojaöl.
Omega-3-Fettsäuren sind unerlässlich für zahlreiche wichtige Prozesse im menschlichen Körper. Sie wirken hemmend auf die chronische Entzündung, die mitbeteiligt ist an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im Weiteren bremsen sie die Tendenz zur Verklumpung des Blutes. Das Auftreten von Blutgerinnseln spielt bekanntlich eine wichtige Rolle bei der Entstehung eines Herzinfarktes oder Hirnschlages. Omega-3-Fettsäuren haben zudem einen leicht Blutdruck senkenden Effekt und bremsen geringgradig den Puls. Sie reduzieren den Blutspiegel der Triglyzeride, welche neben dem Cholesterin
die Entstehung der Atherosklerose fördern. Omega-3-Fettsäuren senken das Risiko für Herzrhythmusstörungen. Sie scheinen auch die Insulin-Sensitivität geringgradig zu verbessern. Ganz neue Untersuchungen weisen sogar darauf hin, dass die regelmässige zusätzliche Einnahme von Alpha-Linolensäure das Risiko, an Diabetes zu erkranken, verringern könnte.
Bei diesen zahlreichen günstigen Wirkungen von Omega-3-Fettsäuren auf kardiale Risikofaktoren erstaunt es nicht, dass in mehreren grossen Studien eine direkte Beziehung gefunden wurde zwischen dem Fischkonsum einer Bevölkerungsgruppe und deren Risiko, an einer koronaren Herzkrankheit zu erkranken oder zu sterben. Dies gilt nicht nur für die eingangs erwähnten Inuit sondern auch für Japaner, Chinesen und Bewohner der westlichen Welt. Selbstverständlich wurde auch untersucht, ob Omega-3-Fettsäuren nicht nur vorbeugend wirken, sondern auch therapeutisch genutzt werden können.
So wurde bei 2000 Männern, die einen Herzinfarkt überlebt hatten, eine Ernährung reich an Omega-3-Fettsäuren verglichen mit einer faserreichen Kost und einer fettreduzierten Nahrung mit einem erhöhten Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Die Patienten mit erhöhtem Fischkonsum zeigten über die nächste Zweijahresperiode eine um fast 30 % geringere Sterblichkeit.
Eine noch wesentlich grössere Untersuchung in Italien an über 11 000 Patienten nach Herzinfarkt wies in die gleiche Richtung: Unter Einnahme von Fischölkapseln mit etwa 1 Gramm Omega-3-Fettsäuren pro Tag reduzierte sich das Risiko der Sterblichkeit an einem weiteren Herzinfarkt oder Hirnschlag über die nächsten drei Jahre um 17 %, die «allgemeine» Sterblichkeit um 20 %. Die Einnahme von 300 mg Vitamin E pro Tag – allein oder zusammen mit Omega-3-Fettsäuren – hatte keinen (zusätzlichen) positiven Effekt.
In einer japanischen Studie wurde an über 18 000 Patienten mit erhöhtem Cholesterin der Effekt einer täglichen Einnahme von 1800 mg Eicosapentaensäure geprüft. Alle Teilnehmer wurden zusätzlich mit einem Statin (Cholesterinsenker) behandelt. Das Risiko für einen Herzinfarkt, die Notwendigkeit, einen Stent einzusetzen oder eine koronare Bypassoperation durchführen zu müssen, konnte mit dieser Massnahme um knapp 20 % gesenkt werden.
Auch der Einfluss von 1 Gramm Omega-3-Fettsäuren auf die Herzschwäche (Herzinsuffizienz) ist untersucht worden. Sowohl die Zahl der Todesfälle an Herzschwäche, wie auch die Notwendigkeit für einen Spitalaufenthalt konnten leicht reduziert werden.
Da in den Studien der Patienten mit Herzinfarkt insbesondere die Zahl der Ereignisse mit Sekundenherztod zurückgingen, stellte sich die Frage, ob dies dem bekannten antiarhythmischen Effekt der Omega-3-Fettsäuren zugeschrieben werden könnte. Entsprechende Untersuchungen zeigten keine eindeutigen Resultate. Es scheint, dass eine erhöhte Aufnahme von EPA und DHA einen günstigen Einfluss hat auf Rhythmusstörungen, die im Rahmen einer koronaren Herzkrankheit auftreten, bei durch Herzschwäche ausgelösten Rhythmusstörungen aber kaum wirken. Wahrscheinlich kann Fischöl das Auftreten eines sogenannten Vorhofflimmerns leicht reduzieren.
Unsere Ernährung mit Bevorzugung von Fleisch, Geflügel und Pflanzenölen ist zwar relativ reich an Omega-6-Fettsäuren, aber eher knapp dotiert an Omega-3-Fettsäuren.
Das Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren liegt bei etwa 10 – 20 : 1, sollte aber nahe bei 5 : 1 liegen. Entscheidend ist dabei wohl nicht eine Reduktion der Omega-6- sondern eine Erhöhung der Omega-3-Fettsäuren. Die optimale tägliche Zufuhr an Omega-3-Fettsäuren wird auf ungefähr 300 – 500 mg Eicosapentaen- oder Docosahexaensäure beziehungsweise auf etwa 800 – 1100 mg Alpha-Linolensäure geschätzt. Dies kann mit ungefähr zwei Mahlzeiten mit fettem Fisch pro Woche erreicht werden (siehe Tabelle 1). In der Tabelle sind auch Nahrungsmittel aufgeführt, die reich
an Alpha-Linolensäure sind. Selbstverständlich erstaunt es nicht, dass Untersuchungen zum Effekt einer vermehrten Einnahme von Omega-3-Fettsäuren dort die besten Resultate zeigen, wo die Ernährung mit diesen essentiellen Fettsäuren eher knapp ist, in Ländern mit grundsätzlich relativ hohem Konsum an Fischölen wie in Japan, aber nicht mehr einen grossen zusätzlichen Benefit bringen.
Falls Fischöl therapeutisch eingesetzt wird, zum Beispiel zur Senkung erhöhter Triglyzeride, kann dies kaum über die Nahrung allein geschehen, weil dafür 2 – 4 Gramm nötig sind. In diesem Fall muss man EPA und DHA in Form von Fischöl-Kapseln einnehmen.
Amerikanische Herzspezialisten empfehlen Menschen mit bekannter koronarer Herzkrankheit und hohem Triglyzerid-Spiegel generell die Einnahme von Fischölkapseln. Die Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen ist allerdings nicht gewährleistet. Selbstverständlich sind Fischölkapseln auch geeignet als «Nahrungsersatz» für Menschen, die aus geschmacklichen Gründen auf Fisch verzichten oder Bedenken haben, mit dem Essen von Fischen zu viele Schadstoffe wie zum Beispiel Quecksilber aufzunehmen.
Es existieren heute auch zahlreiche Lebensmittel, die mit Omega-3-Fettsäuren angereichert sind, z. B. Butter, Kürbiskernbrot, Backwaren oder Fruchtsäfte. Interessant sind auch «Omega-3-Eier». Diese werden von Hühnern gelegt, deren Futter reich an Leinsamen oder Leinöl ist, einer anderen Omega-3-Fettsäure. Diese Lebensmittel gehören zum sogenannten «functional food», Esswaren, die einen gesundheitlichen Zusatznutzen haben.
Sich mit dem Thema der Omega-3-Fettsäuren zu beschäftigen und auf eine genügende Einnahme dieser essentiellen Fettsäuren zu achten, ist ziemlich sicher mehr als eine Modeströmung.
Dr. med. K. Scheidegger
Übrigens …
- Die Wirkungen von DHA und EPA sind nicht ganz gleich.
Die Aussage «EPA fürs Herz und DHA fürs Gehirn» greift aber
zu kurz. - Lebertran ist auch ein Fischöl. Er wird gewonnen aus der Leber von Kabeljau, Dorsch und anderen Fischen. Er enthält auch Omega 3-Fettsäuren. Eingesetzt wird er aber wegen seiner hohen Konzentration an Vitamin D (siehe «d-journal» Nr. 195, 2008/2009) und Vitamin A. Lebertran kann deshalb die Rachitis verhindern, eine Knochenkrankheit, welche auf Vitamin D-Mangel zurückzuführen ist.













