Diabetes-Diät – gibt es das überhaupt noch?

Kohlenhydrate erhöhen den Blutzucker ganz direkt und steuern damit die Insulinsekretion. Ein ständig erhöhter Blutzucker nach dem Essen (= post-
prandiale Hyperglykämie) erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und für eine Diabetes­entwicklung. Darum sind Empfehlungen für eine hohe Zufuhr von Kohlenhydraten zur Prävention und Behandlung von Diabetes mellitus durchaus kritisch zu hinterfragen.

Der glykämische Index und die ­glykämische Last: Wichtige ­Konzepte, aber nicht alles erklärend
Um Nahrungsmittel in Bezug auf ihre Blutzuckerwirkung vergleichen zu können, wurde der glykämische Index (GI) entwickelt. Weil der Effekt jedoch auch mengenabhängig ist, entstand daraus das Konzept der glykämischen Last (GL). Die GL ist das mathematische Produkt aus dem GI und der verzehrten Menge an Kohlenhydraten (Tabelle 1).
Als Faustregel gilt: Eine tägliche GL von 80 sollte nicht überschritten werden.
In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass eine hohe GL einen Risikofaktor darstellt für die Entstehung von Diabetes ­mellitus Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und für gewisse Krebskrankheiten. Für einzelne Nahrungsmittel hat die GL zwar eine starke Aussagekraft für den Blutzuckeran­stieg und die Insulinausschüttung nach den Mahlzeiten. Bei gemischten Mahlzeiten jedoch konnte die GL einer jüngst publizierten Ernährungsstudie zufolge nur in 58 % die Blutzucker­antwort und in 46 % der Fälle die Insulinantwort erklären. Dies bedeutet nichts anderes, als dass andere noch unbekannte Faktoren eine grössere Rolle spielen könnten. Ein gesunder, hoch aktiver Mensch kann z. B. eine hohe Zuckerbelastung stoffwechselmässig viel besser ertragen, als ein inaktiver fettleibiger Mensch. Bei der Diabetesernährung nur auf die GL abzustellen, wäre daher engstirnig.

Ernährungsempfehlungen – ein Buch mit sieben Siegeln?
Da viele Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 adipös (stark übergewichtig) sind, finden sich viele Studien, die sich mit Reduktionsdiäten befassen. Ernährungsstudien sind methodologisch schwierig. Wenn man den Effekt einer fettreduzierten Ernährung studieren will, ist es wichtig, die Vergleichsgruppen mit gleich viel Kalorien zu ernähren. Sonst könnte ein gemessener Unterschied ja rein durch die Kalorienunterschiede bedingt sein. Also ergänzt man die fehlenden Fettkalorien durch Kohlenhydratkalorien. Ist das Ergebnis nun bedingt durch weniger Fett oder mehr Kohlenhydrate?
Unzählige Diäten von «low-fat» bis «low-carb» versprechen Abhilfe bei Übergewicht. Für diese Diäten werden Millionen ausgegeben, obwohl wissenschaftlich kaum eine Gewissheit für deren Nachhaltigkeit besteht. Ausserdem sind solche Diä­ten in der Regel langfristig kaum praktikabel und nicht auf machbaren, individualisierten Verhaltensänderungen abgestützt.

Etwas Geschichte
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts empfahlen Elliot P. Joslin und andere allen Patienten mit Dia­betes, bezogen auf die gesamte tägliche Kalorien­menge, eine Diät mit 20 % Eiweiss, 40 % Fett und 40 % Kohlenhydraten (Tabelle 2).
Diese Zusammensetzung der Makronährstoffe war allseits unter den Ärzten akzeptiert und galt als die Standarddiät für Diabetiker bis Ende der 1970er-Jahre. Zu der Zeit kamen Bedenken auf, dass die Zunahme von Herzinfarkten bei Diabetikern durch die exzessive Zufuhr von Fett bedingt sein könnte. Diese Bedenken nötigten die medizinische Gemeinschaft, sich mit dem Vorschlag einverstanden zu erklären, die Gesamtfettzufuhr auf max. 30 % und die gesättigten Fette auf 10 % zu reduzieren. Die Reduktion der Fettzufuhr erforderte aber eine entsprechende Erhöhung der Kohlenhydrat- oder Eiweisszufuhr. Die legitime Angst, bei einer Eiweiss­erhöhung die Nierenfunktion zu verschlechtern, führte zur endgültigen Entscheidung, die Kohlenhydratzufuhr auf 50 – 55 % der Gesamtkalorienzufuhr zu erhöhen. Obwohl es möglicherweise schädlich sein könnte, die Kohlenhydratzufuhr zu erhöhen um eine Krankheit zu behandeln, die prinzipiell durch eine Kohlenhydratintoleranz charakterisiert ist, erschien es zur damaligen Zeit die beste oder sicherste Option zu sein im Vergleich zu einer fettreichen Ernährung.
Im Konsensuspapier «Ernährung 2008» hat man sich zu einem Nahrungsanteilverhältnis von 20 – 30 % ­Eiweiss, 30 – 40 % Fett und 30 –  40 % Kohlenhydrate geeinigt. Allein mit einer Umstellung auf eine solche kohlenhydratreduzierte, fettmodifizierte, eiweissoptimierte Ernährung können viele Stoffwechselparameter positiv beeinflusst werden (Tabelle 3). Betont wird, dass Eiweiss der Makronährstoff mit der bes­ten Sättigung ist und eine adäquate Eiweiss­zufuhr nicht nur für die optimale Appetitregulation, sondern auch für die Erhaltung der Muskelmasse von zentraler Bedeutung ist. Dies ist vor allem bei einer Gewichtsreduktionsdiät wichtig. Ob solche Ernährungsformen jedoch die Rate von Herztodesfällen reduzieren, ist nicht bekannt.

Welche Ernährungsmuster sollte man nun empfehlen
Gesundes Essen muss automatisch und ohne Kalorienzählen zu einer ausgewogenen und energieärmeren Nährstoffzufuhr führen. Doch die «richtige Ernährung» soll noch viele weitere Ansprüche erfüllen: Genussvoll, ohne Verbote umsetzbar, vielseitig, schmackhaft, sinnlich, anpassbar an soziokulturelle und individuelle Gewohnheiten, für Jung und Alt, Gesunde und Kranke und evidenzbasiert.
Als Paradebeispiel einer gesunden Ernährung wird die mediterrane Ernährung empfohlen (Tab. 4, Seite 9). Ich habe darüber in dieser Zeitschrift schon geschrieben (Mediterrane Ernährung für Diabetiker, «d-journal» Nr. 181, 2006). Inzwischen gibt es eine grosse Zahl von Studien, die den Nutzen der mediterranen Ernährung nachweisen konnten. Was wurde gezeigt?

Vorteile der mediterranen Ernährung

  • Senkung der Herzinfarkt- und Krebssterblichkeit
  • Senkung der Gesamtsterblichkeit: dies bedeutet einen effektiven Nutzen!
  • Senkung der Inzidenz von Parkinson- und Alzheimer-Erkrankung
  • Senkung des Risikos für die Entwicklung von Diabetes mellitus
    Typ 2 und einem metabolischen Syndrom
  • Der Einsatz oraler Antidiabetika bei neudiagnostiziertem Dia­betes mellitus Typ 2 wird erst später notwendig

Nachteile der mediterranen Ernährung

  • Keine

Darum schliesse ich den Artikel mit den Worten aus den Betrachtungen 2006: Die mediterrane Küche ist bestens geeignet, gesetzte Behandlungsziele und ein Höchstmass an Lebensqualität zu erreichen. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob nicht der mediterrane Lebensstil an sich bereits gut für die Gesundheit ist. Warum führen wir nicht die Siesta wieder ein und lassen die Alltagshektik hinter uns? Griechen, die täglich Siesta hielten, hatten nach ­einer Studie an der Universität Athen etwa 30% ­seltener Herzinfarkte. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Dr. med. R. Imoberdorf
reinhard.imoberdorf {at} ksw.ch

Ernährung bei Diabetes

2010 komplett überarbeitet, in 10 Sprachen erhältlich

Die Broschüre „Ernährung bei Diabetes“ wurde komplett überarbeitet und es wurden einige Anpassungen in Bezug auf den Aufbau und die Strukturierung vorgenommen.

Aufgrund der steigenden Nachfrage nach Informationsmaterial in Migrantensprachen konnte die Broschüre dank der finanziellen Unterstützung durch migesplus, im Rahmen des Nationalen Programms Migration und Gesundheit 2008 — 2013 des Bundesamtes für Gesundheit, zusätzlich zu Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch in folgende sechs Sprachen übersetzt werden:

  • albanisch
  • portugiesisch
  • serbisch/kroatisch/bosnisch
  • spanisch
  • tamilisch
  • türkisch

In Zusammenarbeit mit Migranten wurde der Inhalt, der Aufbau und die Verständlichkeit der neuen Broschüre durchgearbeitet. Dadurch sind länderspezifische Ernährungsgewohnheiten und Lebensmittel berücksichtigt worden und dies hilft mit, das Thema „Ernährung bei Diabetes“ besser vermitteln zu können.

Folgende Themen werden einfach und übersichtlich erklärt:

  • Ernährung bei Diabetes - Einführung
  • Zusammensetzung unserer Nahrungsmittel (Kohlenhydrate, Eiweiss, Fett und Getränke - jeweils mit länderspezifischen Beispielen)
  • Was genau sagt die Lebensmittelpyramide aus? (mit heraustrennbarer Lebensmittelpyramide für Diabetes-Betroffene)
  • Die wichtigsten Ernährungsempfehlungen in Kürze
  • Essen Sie gerne Süsses?
  • Alkohol
  • Bewegung
  • Was tun bei Übergewicht

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