Blutzucker-Selbstmessung – selbstverständlich! Aber vernünftig und strukturiert

«Ich messe grundsätzlich jeden Blutzucker zweimal», erwähnt die 72jährige Frau S. mit bekanntem Diabetes mellitus Typ 2 seit 12 Jahren. «So bin ich sicher, dass das Resultat wirklich stimmt». Ihre Krankheit verläuft insgesamt sehr ruhig. Sie ist mit blutzuckersenkenden Medikamenten anhaltend gut eingestellt. Ihre HbA1c-Werte liegen seit Jahren bei maximal 7,2 %, meistens unter 7 %. Diese Doppelmessungen wurden ihr selbstverständlich nicht vom betreuenden Arzt empfohlen. Sie sind unnötig und teuer! Blutzucker-Selbstkontrollen müssen Sinn machen.

Es ist heute weitgehend unbestritten, dass die Blutzucker-Selbstkontrolle für einen überwiegenden Teil der Diabetesbetroffenen unverzichtbar ist und einen wichtigen Bestandteil einer erfolgreichen Behandlung darstellt. Zahlreiche Studien belegen den günstigen Effekt der Blutzuckermessung auf die Qualität der Stoffwechselkontrolle und damit auf den HbA1c-Wert. Dies bedeutet auch, dass das Auftreten allfälliger Folgeschäden des Diabetes dank regelmässiger Selbstkontrolle verhindert bzw. verzögert werden kann. Die Lebenserwartung ist länger und die Lebensqualität besser, insbesondere dank der grösseren Selbständigkeit und Sicherheit im Umgang mit dem Diabetes im Alltag. Nicht zuletzt hilft die gezielte Blutzucker-Selbstmessung mit, die Sinne zu schärfen für allfällige Unterzuckerungen. Hypoglykämien treten seltener auf und werden besser wahrgenommen.

Typ-1-Diabetes

Fast allen Typ-1-Diabetikern ist bestens bekannt, dass es fast unmöglich ist, eine gute Stoffwechselkontrolle zu erreichen ohne mindestens mehrmalige Blutzucker-Selbstkontrollen pro Tag. Zu viele Faktoren können Einfluss nehmen auf Insulinbedarf und Insulinwirkung: Zusammensetzung der Nahrung, körperliche Aktivität, Spritzort des Insulins, Aufnahme des Insulins aus dem UnterhautFettgewebe, psychische Verfassung und zahlreiche mehr. Viele Betroffene führen deshalb 6 bis 8 oder sogar mehr BZ-Messungen pro Tag durch. Und die Zahl derjenigen, die den Glukoseverlauf mit einem Gerät verfolgen, das den (Gewebs-)Zucker sogar kontinuierlich misst, nimmt laufend zu. Die Verwaltung und Interpretation der vielen neu gewonnenen Daten stellt neue, hohe Anforderungen an die Betroffenen und ihre betreuenden Ärzte.

Wir möchten uns in den folgenden Ausführungen ganz beschränken auf die Blutzucker-Selbstmessung beim Typ-2-Diabetes.

Sinnvoll und strukturiert

Grundsätzlich sind Blutzuckermessungen nur dann sinnvoll, wenn sie mit einer Fragestellung verbunden sind, wenn die Werte nicht nur gemessen, sondern auch interpretiert werden, und wenn man gewillt ist, aus den Resultaten Konsequenzen zu ziehen. Routinemässige Kontrollen sind – ausserhalb einer Insulintherapie – unnötig und teuer. Empfehlungen bezüglich Häufigkeit und Zeitpunkt der Blutzuckermessungen richten sich nach der Art der Diabetestherapie, nach der Qualität der Stoffwechselkontrolle und dem gemeinsam festgelegten Behandlungsziel.

Gewisse anerkannte Richtlinien sind zusammengefasst in Tabelle 1. Es wird dabei selbstverständlich unterschieden zwischen einer Behandlung mit Medikamenten, die keine ernsthafte Hypoglykämie verursachen können; oralen Antidiabetika mit dem Potenzial für Unterzuckerungen (Sulfonylharnstoffe und Glinide; siehe Tabelle 2); einer kombinierten Behandlung mit einem Basisinsulin und Tabletten und einer alleinigen Insulintherapie (Mischinsuline oder Kombination von Basis- und Essensinsulin).

Generell empfiehlt man oft gepaarte Messungen, d. h. eine Blutzuckerbestimmung vor dem Essen und eine weitere Messung 1 – 2 Stunden nach der Mahlzeit. Bei einer einfachen Therapie ohne Hypoglykämie-Risiko kann es dabei genügen, diese Werte ein- bis dreimal pro Woche zu bestimmen.

Um allfällige Änderungen der Behandlung möglichst gezielt durchführen zu können, kann es sinnvoll sein, wenn betroffene Diabetiker vor den dreimonatlichen Arztkonsultationen zur Bestimmung des HbA1c jeweils während 1 – 3 Tagen 6-(7)-Punkte BZ-Tagesprofile durchführen. Selbstverständlich wird die Aussage dieser Messungen noch wesentlich verbessert, wenn gleichzeitig ein Protokoll über das eingenommene Essen und die körperliche Aktivität erstellt wird.

Wenn ich es wissen will /
wissen muss

Insbesondere zu Beginn einer Diabetiker-«Karriere» ist es nützlich und sinnvoll, den Effekt bestimmter Lebensmittel oder ganzer Mahlzeiten wie auch die Auswirkungen von körperlicher Aktivität bzw. Sport auf den Blutzucker direkt kennen zu lernen. Zu beobachten, dass eine Wanderung den Wert oft (deutlich) senkt, kann durchaus auch motivieren, sich bewusst mehr zu bewegen.

Die gewonnene Erfahrung vermittelt Sicherheit und zeigt Schritt für Schritt, wie Vieles auch mit Diabetes möglich ist, sei es das Absolvieren eines Nordic Walking Contests auf Zeit oder ein Fondue-Schmaus. Auch wenn der Alltag sich tiefergreifend verändert, zum Beispiel beim Antritt einer neuen Stelle, bei der Pensionierung oder bei einer Ferienreise in ferne Länder, sollte – immer angepasst an die Behandlungsform des Diabetes – die Häufigkeit der BZ-Kontrollen vorübergehend erhöht werden.

Viele Krankheiten und einzelne Medikamente – typischerweise das Cortison – führen zu einem oft stark erhöhten Insulinbedarf. Es ist in diesen Situationen deshalb nötig, häufigere BZ-Messungen durchzuführen, um bei Bedarf die Diabetestherapie vorübergehend intensivieren zu können.

Und dann ist da noch das Autofahren. Wie wir im «d-journal» schon mehrfach berichtet haben, gibt es eine klare Vorschrift, dass alle Diabetiker, die mit Insulin, Sulfonylharnstoffen oder Gliniden behandelt werden, bei Antritt einer Fahrt ihren Blutzucker wissen müssen.

Und ausserdem ...

Der eingangs erwähnten Patientin haben wir selbstverständlich davon abgeraten, Doppelmessungen des Blutzuckers durchzuführen. Das ist nur dann gelegentlich (!) einmal sinnvoll, wenn ein gemessener Wert völlig aus «der Reihe tanzt» und unglaubhaft ist.

Bei Verdacht auf eine Unterzuckerung sollte mit BZ-Messungen nicht gespart werden. Unterzuckerungen können durch BZ-Messungen zuverlässig erkannt werden.

Ausserhalb der Extreme – Hypoglykämien und sehr hohe Blutzuckerwerte – kann der Blutzucker in der Regel, auch von erfahrenen Diabetikern, nicht «gefühlt» werden. Es braucht dazu Messungen.

Die Resultate der BZ-Kontrollen sollten immer dokumentiert werden. Dies kann heute durchaus auch – ohne grossen Aufwand – papierlos geschehen. Eine BZ-Messung sollte korrekt gemacht werden. Eine gute Schulung des «technischen» Ablaufs ist nötig.

Typ-2-Diabetikern, die kein Insulin spritzen, werden von den Krankenkassen grundsätzlich nur 400 Teststreifen pro Jahr vergütet.

Dr. med. K. Scheidegger